Der Zweck der Website

"Buddha Heute"

Hans Gruber



Eine kurze Einleitung mit anderem Schwerpunkt ist Der Dharma
.

Räucherstäbchen in Schale

"Alle Dinge haben die Freiheit zum Wesen." 

Der Erwachte (Buddha)

 

Charakteristisch für die Lehre des Buddha ist die "treffliche Achtsamkeit", die das Wunder der kleinen Dinge enthüllt.

Erwachen bedeutet, im ungreifbaren "Nicht-Selbst" aller Dinge zu ruhen. So tritt, frei von Spaltung oder Rotation, das "weltumarmende Selbst" in Liebe, Mitgefühl und Mitfreude hervor.

 


Mit dieser Website wird das zunehmend aktuelle Thema behandelt, was eine angemessene Einbringung der buddhistischen Praxislehren bzw. spirituellen Entwicklungswege in das moderne Abendland bedeutet. Die historische und aktuelle Weltsituation zu den buddhistischen Traditionen ist besonders vielschichtig und dynamisch. Im Abendland "kommen" sie seit der Umbruchsphase der Sechziger als alternative ethische und spirituelle Wertorientierungen zunehmend in der Bevölkerung "an". Immer mehr Menschen interessieren sich heute auch in praktischer Hinsicht für die Wege des Erwachens. Deshalb scheint die historische Phase erreicht, wo sich die Frage der angemessenen kulturellen Einbringung stellt.

Diese Website ist ein Beitrag dazu. Denn in dem Maße, wie eine befriedigende Antwort auf diese Frage gelingt, werden die Praxiswege des "Erwachten" (was "Buddha" übersetzt heißt) ebenfalls die westlichen Gesellschaften prägen können. Dies ist eine primäre Lehre, die aus der generell friedfertigen Verbreitungsgeschichte der Weltreligion Buddhismus gezogen werden kann.

 

Die relative Friedfertigkeit des Buddhismus

Das Thema Friede war noch niemals so aktuell wie heute, angesichts des 20. Jahrhunderts mit dessen politisch wie ökologisch unübertroffener Gewaltfülle, und auch angesichts des nicht hoffnungserweckenden Beginns des 21. Jahrhunderts. So ist heute auch das Gebot besonders dringlich, tragfähige Alternativen zu den Wertorientierungen zu finden, die Gewalt direkt oder indirekt begünstigen. 

Die Geschichte zeigt, wie es um die "guten Absichten" der insgesamt einflussreichsten Wertorientierungen der Menschheit (nämlich Christentum, Islam, Marxismus mit dessen Folgeideologien, und Buddhismus) in der Realität bestellt ist. Der Mensch neigt zum Missbrauch aller "gutmeinenden" Lehren. Aber es sind ebenfalls die Lehren selbst, die dazu in unterschiedlicher Weise beitragen: 

Sie können den Missbrauch entweder einladen, ihn erschweren oder ihn überwinden helfen. Die unvergleichliche Gewalt in der christlichen, islamischen und marxistisch-kommunistischen Geschichte ist heute ein relativ wichtiges Thema in den Medien (im Spiegel etwa mit der Titelgeschichte Der religiöse Wahn, 41 / 2001), und schon mehrfach von Wissenschaftlern genau bearbeitet worden (zum Beispiel mit dem umfangreichen Schwarzbuch des Kommunismus).

Die Friedfertigkeit des Buddhismus spricht objektiv für ihn:

Es waren etwa immer die Völker überwiegend selber bzw. ursprünglich deren Regierende, die Interesse an den Pfaden des Erwachten gezeigt haben. Das Gleiche gilt heute auch wieder für den Westen, wo es die Abendländer von sich aus sind, die sich zunehmend für den Buddhismus interessieren. Dies begann ursprünglich mit führenden Persönlichkeiten, wie Arthur Schopenhauer, Richard Wagner und Friedrich Nietzsche, oder mit der von den Gebrüdern Schlegel im Jahre 1818 begründeten Indologie (als Ausgangspunkt der etwas späteren wissenschaftlichen Buddhismuskunde). 

Im 20. Jahrhundert führte das Interesse (nach den Ernüchterungen durch die beiden Weltkriege und durch die Reformbewegung der Sechziger) zu den abendländischen spirituellen Lehrenden, die vorher lange in Asien und heute bereits im Westen praktiziert hatten. Das "Erwachen" zur "wahren Realität", welches vom Buddha bezweckt wird, kann letztlich immer nur aus der eigenen Einsicht erwachsen; und diese kann nicht aufgezwungen werden. Hier liegt der Hauptgrund für die relativ große Friedfertigkeit des Buddhismus. Der Erwachte resümiert die wahre Intention zum Frieden so: "Nur eines lehre ich, jetzt wie früher: Das Leiden und das Ende des Leidens!"

Der Buddhismus ist auch nicht ohne Gewalt geblieben. Aber er hat sich nicht "mit Feuer und Schwert", sondern überwiegend friedfertig über ganz Asien verbreitet. Er liefert von seiner ursprünglichen Lehre keine Antriebsüberzeugungen für Gewalt. Sein höchstes Gebot zum Beispiel lautet Nichttöten. Gottgesegnete Gewalt ist unbestreitbar für die Urtexte der monotheistischen Weltreligionen (auch im großen Stil), während die Reden des historischen Buddha unmissverständlich friedfertig sind. Dies gilt trotz (oder aufgrund) ihrer klar unterscheidenden Grundhaltung. Ein Weltspezialist zu diesem Thema, der Hamburger Indologieprofessor Lambert Schmithausen, betont etwa: "Die Verkündigung des Buddha ist immer nur ein Angebot. So kam es in der buddhistischen Geschichte kaum je zu einer gewaltsamen Missionierung. Auch die gewaltsamen innerbuddhistischen Auseinandersetzungen sind in ihrer Dimension keineswegs unseren Religionskriegen vergleichbar."

Im Gesamtvergleich zwischen den monotheistischen Weltreligionen und dem Buddhismus, was die historische und aktuelle Gewalt angeht, schneidet der Buddhismus mit Abstand am friedfertigsten ab (vgl. auch Krieg und Frieden: Gewalt in den Weltreligionen). Dies gilt sowohl in der Hinsicht, wie ihn andere Länder übernommen haben, wie er die Mentalität ganzer Völkern geprägt hat, in welchem Maße er religionsinterne Konflikte aufweist, welche Persönlichkeiten ihn aktuell besonders verkörpern (Thich Nhat Hanh, die beiden Friedensnobelpreisträger Dalai Lama und die burmesische Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi), als auch, inwieweit er kriegerische Konflikte durch Ansichten ideologisch "befeuert" hat.

Macht es einen Unterschied, ob man etwa vom "Kreuzzug gegen das Böse" oder vom "Heiligen Krieg gegen die Ungläubigen" spricht? Solche Antriebsüberzeugungen von Gewalt entspringen einer "religiösen" Quelle, nämlich dem Grund-Dualismus von "entweder Gott oder Satan" bzw. "entweder gut oder böse".

Mit solchen Ansichten wird psychologisch die eigene Identifikation mit dem "Guten" bzw. gegen das "Böse" eingeladen. In der Lehre des Erwachten geht es um die Überwindung der Fixierung von "Ich und Mein". Man könnte die genannten Antriebsüberzeugungen mit dem thailändischen Theravâda-Meister Ajahn Chah beantworten: "Alles, was Du damit erkennen wirst, ist das Selbst, Ich, Mein. Buddhismus heißt Loslassen des Selbst, Leerheit, Nirvâna."


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Eine das Wohl wollende Kritik im Dharma

Die Kernfrage dieser Website lautet, was eine angemessene Einbringung der buddhistischen Praxislehren und Entwicklungswege in das moderne Abendland bedeutet, und welche Formen sie gegenwärtig annimmt. Dies soll hier mit eigenen und anderen Texten klar, und wo erforderlich auch kritisch, erforscht werden. 

Eine positiv verstandene Kultur der wahrheitssuchenden Kritik und Auseinandersetzung ist integraler Bestandteil des Dharma (das, was trägt), wie ihn der historische Buddha vermittelt hat. Eine heute in buddhistischen Kreisen oft gegebene Verabsolutierung von "Nicht-Dualität" bedeutet auch eine kategorische Ablehnung von Kritik. 

Dies ist nicht im Sinne des Buddha. Es gibt zwei Wahrheitsebenen, die im Alltag harmonisch zu verflechten sind - die "Konventionelle Realität" der Dualität (wo eine das Wohl wollende Kritik ihren festen Platz hat), und die "Höchste Realität" der Nicht-Dualität. Der im Buddhismus besonders prägende altindische Meister Nâgârjuna etwa betont, dass ohne diese "Beiden Wahrheiten" die Lehre des Erwachten nicht wirklich zu verstehen sei.


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Eine altehrwürdige Tradition

Der buddhistische Ansatz dieser Website steht in altehrwürdiger Tradition. Einige der größten Meister waren auch starke Kritiker. Dies gilt etwa für Sokrates (469-399 v. Chr.) im alten Griechenland (der wegen seiner Haltung sogar zum Tode verurteilt wurde), oder Arthur Schopenhauer im Deutschland des neunzehnten Jahrhunderts, für den historischen Buddha (6.-5. Jh. v. Chr.) im alten Indien (der etwa von aufgebrachten Brahmanen kritisiert wurde, weil er das Kastensystem abgelehnt und konträre spirituelle Lehren vertreten hat), Jesus Christus (den die Pharisäer hassten), oder Nâgârjuna (2.-3. Jh. n. Chr.), einem altindischen Urvater des Zen und einer Hauptquelle des tantrischen Buddhismus, der im tibetischen Buddhismus als der "Zweite Buddha" gilt. 

* Nâgârjuna ist nach dem Erwachten die insgesamt weitreichendste Persönlichkeit in der Geschichte des Buddhismus. Mit seinem berühmten Hauptwerk Die Verse zum Mittleren Weg hat er die religiösen Hauptlehren seiner Zeit widerlegt, um den Leser von Konzepten zu befreien, bzw. für das Unfassbare, Unbenennbare, Höchste spontan zu öffnen. Geflügelte buddhistische Praxislehren, wie 'Die Leerheit', 'Das Abhängige Entstehen', 'Der Mittlere Weg', 'Die Konventionelle und die Höchste Wahrheit', oder (vom Standpunkt der Höchsten Wahrheit) 'Samsâra ist Nirvâna' (dies heißt die Befreiung des Nirvâna, wie es der historische Buddha versteht, als Gebot im menschlichen Leben) beruhen noch stärker auf Nâgârjuna als auf dem historischen Buddha. Denn Nâgârjuna hat diese Grundlehren des Erwachten auf die Lehrmeinungen seiner Zeit direkt angewandt. In dieser Weise ist er auch gegen bestimmte scholastische oder verabsolutierende Überlagerungen des alten Befreiungsweges (ob in Form mancher Lehren der frühbuddhistischen Scholastik des "Abhidharma", oder mancher philosophischer Lehren in den nach unserer Zeitenwende in Indien verfassten Lehrreden "Sûtras" des Mahâyâna) aktiv geworden(1)

* Unter den großen abendländischen Denkern stand bekanntlich der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer (1788-1860) der Lehre des historischen Buddha besonders nahe. Der Titel von Schopenhauers Hauptwerk, Die Welt als Wille und Vorstellung, ist ein exaktes Resümee der Kernlehren des Erwachten. Dieser erste deutsche "Buddhaist" wird hier kurz zu seiner Kritik am Monotheismus zitiert. Er wandte sich mit seiner Philosophie gegen die deutschen Idealisten, mit Georg Friedrich Hegel an deren Spitze. Schopenhauer kritiserte etwa besonders Hegels Lehren vom "absoluten Geist" oder "absoluten Ich", oder die Übertragung des Christentums in die Philosophie: 

"Das Bedenkliche bei der Sache ist auch bloß die doch einzuräumende Möglichkeit, dass die letzte dem Menschen erreichbare Einsicht in die Natur der Dinge, in sein eigenes Wesen und das der Welt nicht gerade zusammenträfe mit den Lehren, welche teils dem ehemaligen Völkchen der Juden, und teils vor 1800 Jahren in Jerusalem aufgetreten sind. Dieses Bedenken auf einmal niederzuschlagen, erfand der Philosophie-Professor Hegel den Ausdruck 'absolute Religion', mit dem er auch seinen Zweck erreichte, da er sein Publikum gekannt hat. Denn für die Katheder-Philosophie ist sie wirklich und recht eigentlich absolut, eine solche, die absolut und schlechterdings wahr sein soll und muss, sonst ... !" 

Philosophie als Wissenschaft, so Schopenhauer weiter, habe es nicht damit zu tun, was geglaubt werden dürfe, solle oder müsse, sondern damit, was sich wissen lasse. Er schreibt auch: "Die Natur muss schweigen, damit das Judentum sprechen kann." (Im Kontext seiner Philosophie ist mit "Judentum" die religiöse Quelle des monotheistischen Gottes- oder Seelenglaubens gemeint. Er beschreibt Christentum und Islam etwa als dem Judentum "entsprossen".)

Mit dieser Kritik weiß sich Schopenhauer im Einklang mit der Sicht des Buddha zur "Höchsten Wahrheit" (dass in Wahrheit alles im Fluss bzw. nicht greifbar ist, im allumfassenden Nicht-Selbst oder Nicht-Mein). In Widerlegung der verbreiteten philosophischen Idee eines eingeborenen "Gottesbewusstseins" betont er etwa:

"Und welch unvernünftiges Vieh müssten doch die Buddhaisten sein, deren Religionseifer so groß ist, dass in Tibet beinahe jeder sechste Mensch dem geistlichen Stande angehört und damit dem Zölibat verfallen ist, deren Glaubenslehre eine höchst lautere, erhabene, liebevolle, ja streng asketische Moral (die nicht wie die christliche die Tiere vergessen hat) trägt und stützt, die jedoch nicht nur entschieden atheistisch ist, sondern sogar ausdrücklich den Theismus perhorresziert (verabscheut, zurückschreckt davor). Die Persönlichkeit ist nämlich ein Phänomen, das uns nur aus unserer animalischen Natur bekannt und daher, von dieser gesondert, nicht mehr deutlich erkennbar ist. Ein solches nun zum Ursprung und Prinzip der Welt zu machen (als allmächtigen Schöpfergott), ist immer ein Satz, der nicht sogleich jedem in den Kopf will; geschweige, dass er schon von Hause aus darin wurzelte und lebte. 

Ein unpersönlicher Gott hingegen ist eine bloße Philosophie-Professorenflause, eine contradictio in adiecto (ein Widerspruch in sich), ein leeres Wort, um die Gedankenlosen abzufinden oder die Vigilanten (die Wachsamen, Nachdenklichen oder vom 'rechten Glauben' Abkommenden, die Zweifelnden) zu beschwichtigen." (2)

Mit gut begründeter und manchmal scharfer Kritik, die, wo objektiv geboten, selbst die Landesreligion nicht ausnimmt (3), sind heutige Kritiker geistesgeschichtlich in "guter Gesellschaft".


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Glaubenslehre und Praxislehre

Die Kernlehren der drei monotheistischen Glaubensreligionen (Judentum, Christentum und Islam) - "Ewiges Leben", "Auferstehung von den Toten", die Kausalitätsvorstellungen hinter einem "Jüngsten Gericht", oder einer Erlösung aller Menschen durch einen Kreuzestod, Wunder wie ein sich spaltendes Meer, um einem Volk den Weg freizumachen (Altes Testament), oder der Auferweckung von Verstorbenen (Neues Testament), sowie "Jungfrauengeburt" - sind nicht Teil unserer Naturerfahrung. Sie widersprechen der Erfahrung. In diesem Sinne sind sie nicht verifizierbar, bzw. "Dogmen" (unpolemisch gesprochen, denn der Begriff "Dogma" ist in diesen Religionen zentral). Sie sind Glaubensformen, die bestimmte Kulturen charakterisieren, dies heißt ohne eine kulturübergreifende Relevanz.

Ihre psychologische Wirkung ist, dass sie die Gläubigen von einer intuitiven oder direkten Naturerfahrung wegführen. Dem historischen Buddha gilt alles Leben als der Inbegriff des bedingt Entstandenen, und deshalb unweigerlich Vergänglichen. So hat er zum Beispiel alle Ewigkeitsvorstellungen von einem "Selbst", wozu das "Ewige Leben" gehört, als "vollkommen närrisch" zurückgewiesen.

Er betont auch: "Ich sehe keine Lehre vom Selbst, die, wenn sie ergriffen wird, nicht Unglück, Wehklagen, Schmerz, Kummer und Verzweiflung hervorbrächte." (4)

Denn jede Lehre von einem "Selbst" (dies heißt die Sicht, dass es im höchsten Sinne real vorhanden sei) widerspricht der wahren Wirklichkeit. So wirkt sie als metaphysische Rückversicherung des Bewusstseins von "Ich und Mein", wegen einer Schlussfolgerung, die jeden Glauben an ein wahres "Selbst" begleitet; nämlich: Was für die höchste Wirklichkeit gilt ("Selbst" oder Dualität), muss um so mehr für die konventionelle Wirklichkeit unserer Erfahrung der Welt gelten. Der Gott- und Seelenglaube ist der menschliche "Ich- und Mein"-Glaube in seiner metaphysisch überhöhten Form, das unbewusst machtvollste Rückversicherungsprojekt des "Selbst" in der Geschichte.

Eine der häufigsten Wendungen in den Sammlungen der Reden des Buddha im Pali Kanon lautet: "Asketen und Brahmanen" (als Sammelbegriff für alle zeitgenössischen Lehrenden). Wo diese Wendung in den Texten vorkommt, folgt eine kritische Einschätzung der Ansichten bzw. Verhaltensweisen der Asketen und Brahmanen. In der Lehre des Buddha im Pali-Kanon wird nirgends eine wesensgemäße Gleichheit der Religionen vertreten. Eine gute Lehre musste sich damals in der öffentlichen Auseinandersetzung bewähren können, ansonsten galt sie nicht viel.

In den drei monotheistischen Religionen geht es letztlich nicht um spirituelle Befreiung im Leben, dies heißt nicht um Achtsamkeit als befreiende Erforschung unserer Naturerfahrung, wie sie sich geistig und körperlich zeigt. Hier liegt der Grund, warum in den monotheistischen Ausgangsschriften, wie sie überliefert und weltweit verbreitet sind, die folgenden buddhistischen Kernlehren nicht vorkommen:

1) Achtsamkeit" - das hauptsächliche Instrument zur Erforschung der (wahren) Natur (der Dinge), dies heißt des Flusses, in dem alles bedingt Entstande (die Welt) ist, dessen Ungreifbarkeit, bzw. des allumfassenden "Nicht-Selbst" oder "Nicht-Mein". Nach der Lehre des historischen Buddha ist eine solche Achtsamkeit die Quelle des universellen Befreiungsweges, von Ethischer Motivation, Geistiger Ruhe, und Intuitiver Einsicht. Der Erwachte hat die Schulung der Achtsamkeit als "Direkten" oder "Einzige Weg" (Ekayâno Maggo) bezeichnet.

2) "Meditation" (Bhâvanâ) - die systematische Einübung einer solchen "Trefflichen Achtsamkeit" (Sammâ Satî).

3) "Endgültige Befreiungsstufen" - das innere Resultat der Verwirklichung des universellen Befreiungsweges von Ethischer Motivation, Geistiger Ruhe bzw. "Höherer Einsicht" (Vipassanâ). 

Im Vergleich der Ausgangsschriften der Weltreligionen zeigt sich, dass "Achtsamkeit" lediglich im Buddhismus ursprünglicher Hauptbestandteil der Lehre ist. Diese altüberlieferte Grundhaltung prägt das Weltempfinden von Buddhisten in ganz Asien weitgehend. So betont etwa der schweizer Theravâda-Ordinierte Ajahn Akiñcano, der lange Zeit in Thailand gelebt hat: 

"Es ist sehr schwierig, einem Thailänder den christlichen Glauben an die Einmaligkeit des Lebens nahezubringen: Da ist erst nichts. Dann lebt man 70 oder 80 Jahre, wird nach dem Tod gerichtet und kommt ins Töpfchen oder ins Kröpfchen. Damit war dann alles vorbei: Das war's, tut mir leid! Alles wandelt und verändert sich, alles erneuert sich, bloß beim Menschen sei es ganz anders ... Das scheint allen Erfahrungswerten zu widersprechen."

Der Buddhismus ist keine Glaubenslehre, sondern eine Praxislehre, mit der eigenen Erfahrung und kritischer Prüfung als der wichtigsten "Leitschiene" der inneren Befreiung. Im Vîmamsaka-Sutta (5) zum Beispiel führt der Erwachte verschiedene Kriterien an, wie seine Lehre (sehr) kritisch zur überprüfen sei. Wenn sie einer solchen Prüfung standhalte, solle erst der nächste Schritt getan werden. Er hatte kein Interesse an blinder Gefolgschaft.

In seiner Praxislehre sind die "Drei Weisheitszugänge" (Ti-Paññâ) die Quelle von "Gültiger Erkenntnis":

1) Durch Nachdenken oder Wägen erworbenes Verstehen (Cintâ-Mayâ-Paññâ).
2) Durch Hören oder Aufnehmen, Lernen oder Lesen erworbenes Verstehen (Suta-Mayâ-Paññâ).
3) Durch Meditation erworbenes, Intuitives Verstehen (Bhâvanâ-Mayâ-Paññâ).

Die Grundvoraussetzung ist hier das eigene Nachdenken. Ein "medialer Zugang" zu höheren Mächten (Spiritismus), "Göttliche Offenbarung" oder "Heilige Schriften" gelten hier nicht als Quellen von Gültiger Erkenntnis. Das macht zum Beispiel die Rede an die Kalâmer klar. Diese suchen den Buddha auf, weil sie sich von den Wahrheitsansprüchen der unterschiedlichen Meister ihrer Zeit verwirrt fühlen. Der Erwachte rät ihnen:

"Recht habt Ihr, Kalâmer, dass Ihr hier im Unklaren seid und Zweifel hegt. Denn in einer Angelegenheit, bei der man im Unklaren sein kann, seid Ihr es. Folgt nicht als geoffenbart geltenden Lehren, altehrwürdigen Überlieferungen, der Autorität Heiliger Schriften, landläufigen Meinung, bloßen Vernunftgründen, Schlüssen aus reiner Theorie, dem einnehmenden 'Charisma' oder der vorgetragenen 'Größe' eines Meisters. Aber wenn Ihr tief in Euch selber versteht: 'Diese Dinge sind heilsam, förderlich und von Weisen empfohlen, und, wenn man sie akzeptiert und verwirklicht, bringen sie lediglich Nutzen und Glück', solltet Ihr dementsprechend handeln."


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Konventionelle und Höchste Wahrheit

Der Weg des Erwachens besteht darin, dass die Konventionelle Wahrheit der Dualität und die Höchste Wahrheit der Nicht-Dualität als gleichberechtigte Wahrheits- oder Realitätsebenen verstanden und im eigenen Weltempfinden (Denken, Sprechen und Handeln) harmonisch verflochten werden. Auf diesem "Inneren Weg" wird die Höchste Wahrheit zur tragenden Herzens-, Ruhe- bzw. Einsichtsquelle, und die Konventionelle Wahrheit zum großen Feld der Umsetzung oder Bewährung der Qualitäten von Herz, Ruhe bzw. Einsicht. Mein eigener Vater hat dies einmal so ausgedrückt: "Ideale sind nichts wert, wenn sie nicht gesellschaftlich fruchtbar werden."

Die Höchste Wahrheit umfasst die Innendimension des Lebens. Die Konventionelle Wahrheit umfasst die Außendimension des Lebens. Ein treffliches Verstehen der letztlichen Wirklichkeit bedeutet das bewusste Wahrnehmen ihrer spirituellen Funktion (Quelle von Herz, Ruhe bzw. Einsicht), aber ebenfalls ihrer Grenze. Ein treffliches Verstehen der relativen Wirklichkeit bedeutet das bewusste Wahrnehmen ihrer spirituellen Funktion (als großes Feld der Umsetzung oder Bewährung), aber ebenfalls ihrer Grenze.

In dieser grundlegenden Sicht der Dinge und Weltanschauung ist kein Platz für die Verabsolutierung der einen oder der anderen Ebene. Hier gilt die Konventionelle Realität nicht als alleine existent (wie etwa im philosophischen und alltäglichen "Materialismus"), und die Höchste Realität nicht als alleine maßgeblich (wie etwa im Falle des höchst systematischen Integralismus von Ken Wilber, der alle spirituellen Lehren der Welt aus der Sicht der Nicht-Dualität "fixiert", dies heißt die Nicht-Dualität zu einem unbewussten Dogma "verabsolutiert").

Denn es handelt sich hier um zwei Seiten ein- und derselben Medaille, nämlich von Verabsolutierung. Die Praxislehre des historischen Buddha lautet - "Der Mittlere Weg". Dies ist der Name, den der Erwachte dem kulturübergreifenden Weg seiner Lehre gegeben hat, sowie: "Dharma", für "das, was trägt". Auch der oben beschriebene Nâgârjuna nennt seine prägende Lehre und Sicht - "Der Mittlere Weg" (Madhyamaka).

Das Problem der christlich-abendländischen Weltanschauung ist die Verabsolutierung.

Mit ihr erscheint dem abendländischen Weltempfinden die "greifbare" Konventionelle Realität der "Dinge" oder "Objekte" unbewusst als die höchste, ganze oder volle Wahrheit. Die psychologische Quelle dieses "Nichtsehens" (Avidyâ) der fließenden oder ungreifbaren Phänomene, wie sie letztlich in ihrem "Nicht-Selbst" sind, ist die Wahrnehmung der Höchsten Realität (im christlichen Abendland vor allem eines allmächtigen Gottes oder einer ewigen Seele) als eines wahren "Selbst". In unbewusster Weise wird dieser "Glaube" fortwährend auf die Konventionelle Realität der Welt oder gewöhnlichen Erfahrung übertragen. Denn was für das Höchste zutrifft, muss um so mehr für das gewöhnlich Erfahrene zutreffen. So wirkt die Verabsolutierung der Höchsten Realität als psychologische Quelle der Verabsolutierung der erfahrenen "Dinge" oder "Objekte".

Auf der einen Seite hat die abendländische Verabsolutierung eine unübertrefflich gründliche Erforschung der Konventionellen Realität gebracht (in Form von Wissenschaft und Technik) - nämlich durch die ausschließliche Ausrichtung auf diese Ebene der Wirklichkeit. Auf der anderen Seite hat sie auch eine Fixierung auf die Welt gebracht. Dies ist die Quelle eines stark ausgeprägten Gefühles von Sinnlosigkeit oder innerer Leere, einer großen Unruhe und Gewalt. Der Ausdruck wachsenden Unbehagens damit ist eine neue und entschiedene Sinnsuche. (6)


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Kanaka der Vatsa (China),

ein debatiierender Schüler des Buddha.

"Das Universum ist klar,

die Hände sind erhoben zum Jubel

sei wild voller Freude!" K

Kanaka

 

Anmerkungen:

1) Vgl. den Beitrag Die Leerheit, Flugbahn ins Unendliche in der Rubrik Die klassischen Lehren im Dharma. [zurück]

2) Über die Universitäts-Philosophie, Parerga und Paralipomena I. Zur Lehre Schopenhauers zur befreienden Bewusstheit des Körpers, die etwa auch mit der buddhistischen Grundsicht identisch ist, vgl. Buddhistische Zitate in der Rubrik Praxis- und Meditationstexte. [zurück]

3) Vgl. die Rubrik Tabufreie Zone im Dharma in dieser Website. [zurück]

4) *Vgl. etwa Das Gleichnis von der Schlange (Alagaddûpama Sutta), Rede 22 in der Mittleren Sammlung der fünf großen Redensammlungen des Erwachten im Pali-Kanon des frühen Buddhismus Theravâda.
*Die beste Übersetzung der Mittleren Sammlung mit 152 Lehrreden des Buddha ist:
*Bodhi, Bhikkhu, und Nyanamoli, Bhikkhu: The Middle Length Discourses of the Buddha: A New Translation of the Majjhima Nikâya (1500 Seiten), Wisdom Publications. Bhikkhu Bodhis großer Anmerkungsapparat bietet auch wichtige Erklärungen, sowie die Meinungen der alten Kommentare. Außerdem enthält das Buch Bibliographie, Glossar und nützliche Indizes. Zu den weiteren Übersetzungen von Bhikku Bodhi, vgl. Literatur, Websites, Vertriebe und Adressen zum Vipassanâ und Theravâda; oder den damit identischen Anhang zum Überblick: Die Achtsamkeits- bzw. Einsichtspraxis Vipassanâ, eine Kernmeditation und -tradition, in der Rubrik Die Wissenschaft.
*Bhikkhu Bodhis Kommentare zu den Reden des Erwachten stehen etwa auf der Website
www.accesstoinsight.org, oder auf der Website des Klosters, wo er heute lebt: www.bodhimonastery.net. [zurück]

5) Die Mittlere Sammlung der Reden des Buddha, Rede 47 (vgl. Anm. 4). [zurück]

6) *Ausgehend von dieser Einleitung seien auf der Website etwa besonders nahegelegt:
*Zeitungsbeitrag Faszination Buddhismus und Fachbeitrag Ist Buddhismus Esoterik?, in der Rubrik Viel diskutierte Themen.
*Lexikonüberblick Der Buddhismus in Geschichte und Gegenwart und Die Achtsamkeits- bzw. Einsichtspraxis Vipassanâ: Eine Kernmeditation und -tradition, in der Rubrik Die Wissenschaft.
*Interview von Christopher Titmuss mit Altmeister Ajahn Buddhadâsa und Für eine Ökologische Ethik, Interview mit dem Hamburger Indologie-Professor Lambert Schmithausen, in der Rubrik Kommunikation im Dharma.
*Mit Buddha nach Hause kommen, in der Rubrik Biografisches.
*Hinduismus und Buddhismus sowie Der Buddha und die Natur, in der Rubrik Die klassischen Lehren im Dharma.
*Die alldurchdringenden Elemente, in der Rubrik Praxis- und Meditationstexte.
*Die grundlegenden Meditationslehren, in der Rubrik Praxis- und Meditationstexte. [zurück]


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