"Auf der Suche nach dem Wesentlichen,
worauf es in Religion, Spiritualität
und Selbstfindung
ankommt"

Wolf Schneider, Reihe "connection books" (vgl. www.connection.de),
Königsfurt Verlag, 2003 , Preis: 12.90 Euro,

besprochen von Hans Gruber


Wolf Schneider, der Herausgeber der Zeitschrift connection, die auch regelmäßig und zunehmend den Buddhismus behandelt, will mit seinem Buch, wie er sagt, "Orientierung und Entscheidungshilfe für Suchende im Dickicht des heutigen spirituellen Supermarktes" bieten. Er behandelt mit dieser Sammlung von 19 seiner Beiträge, eines Querschnitts seines Schaffens als Herausgeber, beispiel- und erfahrungsreich eine Palette von Themen.

Sie erstrecken sich von einer kritischen Betrachtung des Umgangs der "Heilswege Christentum und Schulmedizin mit den konkurrierenden Minderheiten" mit dem Beitrag Das Ende der großen Monokulturen, über Grundsätzliches, etwa Vom Sinn der Religionen oder Die Reise nach Transpersonalistan, bis hin zu Traditionsvergleichen wie Buddhismus und Advaita Vedanta: Zwei alte Traditionen im Umgang mit der Illusion des "Ich", oder Meditation: Hinter den Wolken ist der Himmel grenzenlos.

Die Stärke des Buches ist, dass Schneiders leidenschaftliche Suche nach Erkenntnis und "Verbindung" unmittelbar spürbar wird. Er beansprucht mit der connection, englisch für "Verbindung", - im Untertitel Das Magazin fürs Wesentliche -, wie er im Buch schreibt ",alles mit allem' zu verbinden, also auch ,es', ,wir' und ,ich'". So versteht er die Marke und das Motto connection als "eine sich nur sprachlich unterscheidende Variante des Ken Wilberschen Prinzips der Integration".

Damit ist Wolf Schneider ein Vertreter eines heute weit verbreiteten Prinzips des Umgangs mit allen, auch den objektiv sehr unterschiedlichen spirituellen Traditionen. Dieses Prinzip ist der Glaube, dass alle spirituellen Traditionen letztlich gleichwertige Zugänge zur höchsten Wahrheit sind, bzw. dass es eine Art von Urreligion gäbe. Im Buch kommt dieser Glaube mit bestimmten Sätzen zum Ausdruck, zum Beispiel: "Nicht-Ich, Anatta, das ist die Wahrheit! Wer aus dem transpersonalen Raum heraus handelt, ist gut, er ist mit Gott und der Natur im Einklang"; oder: "Es geht nicht mehr nur um dieses uralte Ziel aller Religiosität: Gott oder das Grenzenlose jenseits des Ego zu erkennen. Es kommt darauf an, dass du imstande bist, nach dieser Erkenntnis den Büffel heimzureiten"; im Beitrag Buddhismus und Advaita Vedanta: "Anatta, das unablösbar zum Kern des Buddhismus gehört, und der Anatman, das Nicht-Selbst bei Shankara oder Ramana Maharshi, sind nach allem, was ich sehen kann, exakt dasselbe;" oder im Beitrag Vom Sinn der Religionen: "Die Religionen verkünden übereinstimmend: Wir sind alle eins, und Gott ist nur jenseits der Formen zu finden."

Demnach wären also das auf alles bezogene "Nicht-Ich" des historischen Buddha, der "transpersonale Raum" bzw. ein wahres Selbst "jenseits des Ego" der heutigen transpersonalen Psychologie, die Lehren des hinduistischen Advaita-Vedânta, oder der "Gott" der monotheistischen Religionen dasselbe. Dies ist eine These, der aktuell viele spontan zustimmen, die aber von den großen Weisen wie dem Buddha nicht geteilt werden: Sie sind glasklare Unterscheider, was bei ihnen auch nirgends mit Intoleranz assoziiert wird, sondern nur mit konsequenter Wahrheitsliebe.

Außerdem sind die kulturellen, historischen, politischen und persönlichen Auswirkungen der unterschiedlichen Religionen nicht so, dass sie eine essentielle Gleichheit zwischen ihnen nahe legen würden.

Trotzdem ist es heute natürlich eine Kernfrage, wie im Zuge der fortschreitenden Globalisierung mit der Präsenz praktisch aller Religionen der Welt besonders im Abendland am besten umzugehen ist. Denn der Mensch braucht Orientierung.

Wolf Schneider wählt zu diesem Zweck den beschriebenen Weg. Doch vor diesem Hintergrund erscheinen bei ihm auch klare Unterscheidungen, etwa wenn er auf die "new agige" Ethik zu sprechen kommt, "die Gefühle verherrlicht und ,Kopfigkeit' überwinden will. Die schlimmsten Vertreter dieser neuen Ethik werten den Gebrauch von Wörtern … bereits als Zeichen von ,Kopfigkeit' und vermuten bei ihren spirituellen Pfadfinderkameraden um so mehr Herzlichkeit, je primitiver die Literatur oder das Geschwätz, das sie sich ,reinzuziehen' pflegen."

Das große "Problem" bleibt: Die objektive Unvereinbarkeit des universellen Nicht-Selbst Anattâ oder des "alles ist leer" in der fließenden, ungreifbaren Natur der Dinge, wie es der historische Buddha oder Nâgârjuna weisen, mit den Lehren von einem höchsten "Selbst" - ob dieses das "Wahre Selbst" Âtman des hinduistischen Advaita-Vedânta und von Richtungen des Zen, "Gott" bzw. "Ewige Seele" der monotheistischen Religionen, oder "Buddha-Natur" und "Nur-Geist" des Mahâyâna ist.

Wenn man das Nicht-Selbst in der Form ernst nimmt, wie es der Buddha mit seinen Reden vermittelt hat, kann es nicht in der Weise mit anderen Lehren zusammengebracht werden, wie es Wolf Schneider mit seinem Buch unternimmt. So sagt etwa der berühmte deutsche Theravâda-Mönch Nyanatiloka:

"Die Anattâ-Lehre wurde in ihrer vollen Klarheit nur vom Buddha gewiesen, weshalb der Buddha auch als der Anattâ-Vâdî, der Verkünder des Nicht-Selbst, bezeichnet wird."

Dann aber bleibt bloß ein Weg der Orientierung: Dass die anderen Religionen selbstverständlich ihren Wert und Platz haben; nämlich als Hinführungen, die für viele vorbereitend wichtig sind. Doch sie können nicht den Status gleichwertiger Beschreibungen der höchsten Realität haben, die zwar eine andere Form hätten, aber genauso zutreffend wie die Lehre des Buddha wären. Diese klare Unterscheidung bedeutet nun nicht Intoleranz. Solche Unterscheidungen hat auch der Erwachte getroffen und damit die friedfertigste Weltreligion begründet. Er hat es äußerst wichtig genommen, welche Ansichten man hegt oder nicht hegt. Denn "Treffliche Ansichten" gelten als das wichtigste Glied des "Achtfachen Befreiungspfades". So sagt der Buddha zum Beispiel (Angereihte Sammlung 10, 121):

"Dem Sonnenaufgang geht als Vorläufer und erstes Anzeichen die aufsteigende Morgenröte voraus. Ebenso geht allen heilsamen Geisteszuständen als Vorläufer und erstes Anzeichen die Treffliche Ansicht voraus."

Trotz dieser unterschiedlichen Ansätze ist das Buch eine sehr fruchtbare Quelle der Information, Reflektion und Auseinandersetzung. Die spirituellen Traditionen werden hier in einer Art und Weise verglichen, die viele neue Perspektiven auf Verbindendes und immer wieder klar Unterscheidendes eröffnet. Außerdem finden sich regelmäßig Perlen der Weisheit, etwa im Beitrag Meditation:

"Wer das Ende eines Atemzuges bewusst geschehen lassen kann, dem fallen Abschied und Loslassen auch in anderen Bereichen des Lebens leichter"; oder: "Wörter können die Wahrheit umkreisen, so wie Musik die Stille umspielt oder die Wellen der Meeresoberfläche die Unendlichkeit des formlosen Ozeans."


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