Hamburg
Hochburg des Buddhismus


Hans Gruber

Etwas längere Fassung des Artikels Hamburg: Buddhas Hochburg,
erschienen im Hamburger Abendblatt (31. 10. 2000)



Die Abschnitte dieses Beitrages sind:

* Die Einleitung
* Die Entwicklungen an der Hamburger Universität
* Die Religion des Buddhismus
* Die buddhistischen Traditionen in Hamburg
* Die Lehre des historischen Buddha in wenigen Worten
* Informationen zum Beitrag


Die tiefprotestantische Hafen- und Hansestadt Hamburg, das deutsche "Tor zur Welt", gilt seit jeher als besonders weltoffen. Ein kaum bekannter Beleg dafür: Hamburg ist auch die deutschsprachige "Hochburg des Buddhismus". Dies gilt sowohl für die "Praxis" in den buddhistischen Haupttraditionen, die im Abendland seit den 60ern als ethische und spirituelle Wertorientierungen zunehmend "ankommen", als auch für die Wissenschaft und Forschung zum Buddhismus.

Der Fachbereich Orientalistik der Universität Hamburg, der neben einigen Experten ebenso ein Abendstudium zum Buddhismus für Berufstätige anbietet, wurde am 1. 11. 2000 in "Asien-Afrika-Institut" umbenannt. Der Umbenennung folgte eine neue Struktur. Die bisherigen Seminare etwa wurden zu Abteilungen des Institutes. Zum Sommersemester 2002 zogen sie geschlossen in den neuen Flügelbau des Uni-Hauptgebäudes an der Edmund-Siemers-Allee, der von dem Hamburger Mäzenen-Ehepaar Hannelore und Helmut Greve gestiftet worden ist. Hier soll auch eine neue Zentralbibliothek für alle Abteilungen des Instituts unterkommen.

Der Dekan, Professor Dr. Michael Friedrich (Anm.: seit April 2000 ist er der Vizedekan, und der Japanologe Manfred Pohl der Dekan), möchte die Hamburger Orientalistik zu einem Institut machen, welches den Vergleich mit dem europaweit größten im niederländischen Leiden bestehen kann.

Hamburg hat die besten Voraussetzungen dafür. Nirgendwo im deutschsprachigen Raum gibt es eine ähnliche Bandbreite von universitären Studienmöglichkeiten des Buddhismus sowie von altetablierten buddhistischen Gruppen mit großen Lehr- und Meditationszentren. Als eine der bedeutendsten Handelsmetropolen der Welt hat die Hansestadt bereits 1908 mit dem "Kolonialinstitut" und dessem umfassenden Dokumentations- und Informationszentrum zur überseeischen Welt eingehend die außereuropäischen Kulturen erforscht.

Das Asien-Afrika-Institut bietet heute alleine zehn Fächer, die sich mit buddhistischen Ländern befassen. Sie kooperieren mit den hiesigen Instituten für Asien-, Afrika- und Orientkunde, welche der Politik und Wirtschaft gewidmet sind. Außerdem unterhält Hamburg zu allen buddhistisch geprägten Ländern ausgeprägte kulturelle und wirtschaftliche Kontakte. Einige der orientalistischen Fächer sind, als sie noch Teil jenes "Kolonialinstitutes" waren, älter als die 1919 gegründete Universität. Dazu zählt auch die Hamburger Indologie, welche den Buddhismus und Hinduismus erforscht. Mit der Gründung 1914 betraten die Wissenschaftler Neuland, indem sie nicht bloß die altindische Sprache Sanskrit, sondern ebenfalls die Kultur und Geschichte Indiens erforschten. "Die Entwicklungen in Indien können auch den Kaufmann nicht unberührt lassen", hieß es damals im Antrag an die Stadtväter. Heute ist Hamburg die einzige deutsche Universität, an der ein Indologie-Lehrstuhl (von Professor Dr. Lambert Schmithausen) alleine dem Buddhismus gewidmet ist. Zudem gibt es in Hamburg das älteste bzw. erste deutsche Haus der "Deutsch-Indischen Gesellschaft" etwa mit ihren vielen kulturellen Aktivitäten.


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Die Entwicklungen an der Hamburger Universität:

Seit Herbst 2000 gibt es an der Uni eine neue Professur, die von der japanischen "Gesellschaft zur Förderung des Buddhismus" des Industriellen Numata mit jährlich 40000 Dollar finanziert wird. Diese Stiftung finanziert heute zehn solche Lehrstühle in den USA und Europa. Neben Wien, Leiden und Oxford bietet Hamburg jetzt den vierten Lehrstuhl der Stiftung in Europa, der jeweils für ein bis drei Semester von wechselnden internationalen Buddhismus-Experten besetzt wird. Er dient in erster Linie der Erforschung des ostasiatischen Buddhismus. Universitätspräsident Dr. Jürgen Lüthje sagte: "Die Stifter honorieren damit die wissenschaftliche Arbeit des international angesehenen Instituts für Kultur und Geschichte Indiens und Tibets der Universität Hamburg, und hierbei besonders die von Professor Lambert Schmithausen." Er gilt als ein führender Experten zur ökologischen Ethik des Buddhismus und einer der beiden grundlegenden altindischen Philosophie-Schulen dieser Weltreligion, nämlich der "Nur-Geist"-Lehre. Sie ist in Japan besonders einflussreich geworden. Die Hamburger Indologie trägt unter Professor Albrecht Wezler auch das renommierte "nepalesisch-deutsche Projekt zur Manuskripterhaltung", das seit 1970 buddhistische und hinduistische Handschriften sowie Blockdrucke Nepals auf Mikrofiche bringt (heute rund 190000), somit langfristig erhält und der Forschung erschließt.

Dieses Projekt ist einzigartig für den indischen Kulturraum. Seit März 2002 ist die Sammlung und Ablichtung der Texte beendet. Doch das Projekt wird längerfristig fortgeführt: Als nächstes geht es um die genauere Bearbeitung der nun endgültig bewahrten Texte, deren Identifizierung, wo es noch unklar ist, der Einordnung, sowie der Katalogisierung. Auch existiert manchmal ein Text in unterschiedlichen Überlieferungen, die dann zu vergleichen sind. Alle Ergebnisse werden der internationalen Forschung digital zugänglich gemacht. Wezler ist ein Experte für hinduistische Philosophie und Sanskrit-Grammatik. Er hat am 29. November 2000 in Berlin für seine Gesamtleistung den "Max-Planck-Forschungspreis" der Max-Planck-Institute erhalten, mit dem Preisgeld von 250 000 DM. Diese Summe dient der Finanzierung internationaler wissenschaftlicher Projekte. 

An der Universität Hamburg wirken weitere Fachleute, etwa der Sinologie-Professor Dr. Michael Friedrich zum Buddhismus im alten China, wo das Zen entstanden ist, oder der Thaistik-Professor Dr. Barend Jan Terwiel zum thailändischen Buddhismus.

Der Numata-Lehrstuhl gilt als Auftakt zu einem neuen Hauptfachstudiengang in Hamburg: "Buddhismuskunde". Er wird erneut der erste seiner Art im deutschsprachigen Raum sein. Er ist bereits seit einiger Zeit in Planung und scheint heute die letzten bürokratischen Hindernisse zu überwinden. Die Hamburger Orientalistik bleibt also ihrer alten Pionierfunktion treu. Der neue Studiengang wird die Buddhismus-Angebote der verschiedenen Fachbereiche koordinieren und mit übergreifenden Lehrangeboten erweitern. Das Ziel ist eine umfassende Erforschung der asiatischen Traditionen, der Geschichte, sowie der aktuellen Dynamik des "Phänomens Buddhismus".

Neben den besonders günstigen Vorbedingungen in der Hansestadt gibt es einen weiteren Grund für diesen geplanten Studiengang: Der Buddhismus ist in vielen Ländern Asiens, das aktuell weltpolitisch zunehmend wichtig wird, eine das soziale Leben zentral bestimmende Kraft. Außerdem bietet er im Abendland eine alternative Wertorientierung, die hier seit einigen Jahrzehnten klar wachsenden Zuspruch findet.

Dieses Interesse hat Vorläufer bei den "alten" deutschen Buddhismusliebhabern. Arthur Schopenhauer etwa sah sich in seinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung durch die erst später für sich entdeckte Praxislehre des Buddha voll bestätigt: "Wenn ich die Resultate meiner philosophischen Forschung als den Maßstab für die Wahrheit heranzöge, sähe ich mich veranlasst, dem Buddhismus den Vorrang vor allen anderen Lehren einzuräumen." Er verbrachte prägende Jugendjahre in der "freien Stadt" Hamburg. Friedrich Nietzsche und Richard Wagner bewunderten den Buddhismus. Albert Einstein sagte: "Die Religion der Zukunft wird eine kosmische sein. Sie sollte einen persönlichen Gott transzendieren und Dogma und Theologie vermeiden. Der Buddhismus entspricht diesen Kriterien. Wenn es eine Religion gibt, welche den modernen wissenschaftlichen Ansprüchen gewachsen ist, heißt sie Buddhismus." Psychologievater C. G. Jung betonte: "Als ein Student der vergleichenden Religionswissenschaft glaube ich, dass der Buddhismus die vollkommenste Religion ist." Der Ökonom E. F. Schumacher sah: "Vom Blickwinkel des Ökonomen ist das Wunder des buddhistischen 'Way Of Life' die kompromisslose Rationalität seiner Denkmuster."

Dieser Zuspruch ist in Hamburg besonders stark. Es gibt hier 25 buddhistische Zentren oder Gruppen mit seit Jahren zunehmenden Aktivitäten.


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Die Religion des Buddhismus:

Gautama "Buddha" (Sanskrit für "Der Erwachte") wies im sechsten bis fünften Jahrhundert vor Christus in Indien den Weg zum Erwachen, der laut ihm alleine dem Menschen möglich ist. Seine Praxislehre wurde zur Quelle für den Buddhismus, der friedfertigsten Weltreligion, die heute das primäre kulturelle Verbindungsglied Asiens bildet. Sie hat sich durch ihre große Toleranz und Fähigkeit zur klugen Kultursynthese mit den jeweils vorgefundenen Religionen gewaltlos verbreitet. Buddhas Sanskrit-Ehrenname "Siddhârtha" bedeutet "Der Das Ziel Erreicht Hat". Er wurde vor allem durch den gleichnamigen Roman von Hermann Hesse bekannt, der weltweit in über 50 Millionen Exemplaren verkauft und etwa in zwölf indische Sprachen übersetzt worden ist. Das Buch machte Hesse in den USA und Japan zum meistgelesenen europäischen Autor. Im alten Indien, wo die Lehre des Erwachten 1700 Jahre einflussreich war, sind die Grundlagen für alle später entstandenen Formen, also den "Buddhismus", entstanden.

Deshalb ist die Indologie für die Erforschung dieser Religion besonders wichtig. Der erste Sanskrit-Philologe Europas war der deutsche Pater Sancto Bartholomaeo (1748-1806). Die meisten Pioniere der indischen Kulturforschung stammten aus Deutschland und Frankreich, nicht zuletzt wegen einer romantischen Indienbegeisterung, die führende Geister des 19. Jahrhunderts erfasst hatte. Die Ursache dafür war die Entdeckung der Sprachverwandtschaft zwischen den europäischen und den indischen Sprachen, wonach einige Denker die geistigen Wurzeln Europas nach Südasien verlegt haben. Der Begründer der vergleichenden indogermanischen Sprachwissenschaft war der Mainzer Franz Bopp (1791-1867).

Die Hamburger Indologie beantwortet heute auch das wachsende "nicht-wissenschaftliche" Interesse am Buddhismus als geistiger "Lebensorientierung": Seit 1996 finden an der Universität Hamburg Abendstudiengänge für Berufstätige zu den Hauptaspekten des Buddhismus mit internationalen Referenten statt, was wiederum ohne Vergleich im deutschsprachigen Raum ist. 

Das Sommersemester 1999 etwa galt dem Ideal vom Bodhisattva, welcher durch die mitfühlende Entfaltung von Geben, Ethik, Geduld, Energie, Sammlung und Weisheit das Erwachen möglichst vieler bezweckt. Im Wintersemester 2000-2001 ging es um den buddhistischen Idealismus jener "Nur-Geist"-Philosophie (des besonderen Schwerpunktes in Hamburg) und Erkenntnistheorie, um die Grundlinien des buddhistischen Tantrismus, sowie die anderen später entstandenen, dies heißt tibetischen, chinesischen und japanischen Formen des Buddhismus. Auch hierzu gab und gibt es in Hamburg promovierte Experten, wie Jan-Ulrich Sobisch zum tibetischen Tantra, Michael Zimmermann zur "Buddha-Natur" und der Frage "Buddhismus und Staatsgewalt", Martin Delhey zur Versenkung im buddhistischen Idealismus, oder Carsten Krause zum chinesischen Buddhismus in Geschichte und Gegenwart. Der Tibetologie-Professor David Jackson lehrt zur Historie und Kunst des tibetischen Buddhismus.

Das Sommersemester 01 galt den zeitgenössischen Formen des Buddhismus, etwa der Achtsamkeits- oder Einsichtspraxis Vipassanâ. Sie ist die bekannteste Praxis des frühen Buddhismus Theravâda (Lehre der Ältesten), der heute in Südostasien und auf Sri Lanka maßgeblich ist. Das Vipassanâ umfasst praktische "Ausbildungen" einer befreiend sehenden "Achtsamkeit in Weisheit", welche direkt auf Buddhas Reden im ältesten "Pali-Kanon" (1. Jh. v. Chr.) beruhen. Das Wintersemester 01-02 hatte die "buddhistische Ethik" zum Thema. Im Wintersemester 03-04 geht es um das, was allen buddhistischen Traditionen gemeinsam ist.


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Die buddhistischen Traditionen in Hamburg:

Auch im Bereich des praktizierten Buddhismus stößt man in Hamburg allenthalben auf kaum Bekanntes, doch ziemlich Erstaunliches: 

Im 1977 gegründeten "Tibetischen Zentrum" in Hamburg-Berne wirkte der erste Abgesandte des Dalai Lama für Deutschland, der hohe tibetische Gelehrte Thubten Ngawang. Mit dem Haus verbunden ist eine deutsche Nonnengemeinschaft sowie die ehemals ordinierten Übersetzer wie Lehrer Christof Spitz und Oliver Petersen. Thubten Ngawang feierte 1999 sein 20-jähriges Hamburg-Jubiläum (Anm.: Er ist im Jahre 2003 verstorben). Heute wird das Zentrum von dem tibetischen "Lharampa-Geshe" Pema Samten geleitet. Der Dalai Lama ist der persönliche Schirmherr des Hauses. Es ist das vielseitig aktivste tibetische Lehrzentrum Deutschlands, zum Beispiel mit dem "Systematischen Studium des Buddhismus". Dem "Tibetischen Zentrum" angeschlossen ist das Landhaus "Semkye Ling" in der Lüneburger Heide, dem der tibetische Geshe Ngawang Sonam vorsteht. Dort gibt es auch längere Kurse und Möglichkeiten zur individuellen stillen Einkehr. 

Auch beim frühen Buddhismus Theravâda fällt Hamburg heraus: Es existiert hier das älteste aktive Stadtzentrum im deutschsprachigen Raum, die fast 50-jährige "Buddhistische Gesellschaft Hamburg" (BGH) in der Beisserstraße mit einem größeren Lehrprogramm. Im dazugehörigen Nebenhaus sind regelmäßig westliche oder asiatische Mönche zu Gast. Die BGH hat eine umfassende Bibliothek (mit einer der wenigen vollständigen Sammlungen aller deutschsprachigen Zeitschriften zum Buddhismus) und publiziert seit 48 Jahren das Magazin Buddhistische Monatsblätter. Damit verbunden ist das 1962 gegründete "Haus der Stille" in Roseburg bei Hamburg, welches zu den größten buddhistischen Kursstätten im deutschsprachigen Raum gehört. Es liegt idyllisch in einer seen- und waldreichen Natur. Dort finden viele längere Meditationskurse mit internationalen Lehrenden primär der frühbuddhistischen Achtsamkeitspraxis Vipassanâ statt.

Erste Wegbereiter der "Buddhistischen Gesellschaft Hamburg" waren bereits ab 1906 aktiv. Verknüpft mit der BGH und dem "Haus der Stille" sind prägende Hamburger Pioniere des deutschen Buddhismus; etwa Dr. Hellmuth Hecker, ein pensionierter Rechtsdozent und Übersetzer von Texten des frühbuddhistischen Pali-Kanons (mit den Reden des Erwachten in ihrer ältesten erreichbaren Gestalt). Hecker hat auch maßgebliche systematische Arbeiten zum Buddhismus in Deutschland verfasst. Außerdem wirkten hier früher mit Schrift und Lehre der Professor am Universitäts-Krankenhaus Hans Much (1880-1932), welcher als erster die buddhistische Bewegung in Hamburg etabliert hatte (zwischen den Kriegen), der Arzt Helmut Palmié (1896-1954), sowie der in ganz Norddeutschland den Buddhismus vermittelnde buddhistische Lehrer Paul Debes (geb. 1906). Der heute fast hundertjährige Debes war ursprünglich ein Kaufmann. Er war Anfang der Dreißiger auf Sri Lanka und widmete sich ab 1948 vollständig der Verbreitung des Buddhismus. Danach lebte er bis 1976 in Hamburg, wo heute seine vier Töchter und sein Sohn zuhause sind. Sein erster öffentlicher Vortragszyklus galt dem Thema: Vom Schein zum Sein. Zu seinen vielen Arbeiten zählen etwa die Rundbriefe zur Erforschung der Wirklichkeit, oder die Streitlosen Blätter zur Klärung in Politik, Kultur und Wirtschaft. Unter den Nationalsozialisten gab es in Hamburg keine buddhistische Gruppe. 

1955 ist unter zentraler Beteiligung der BGH der mittlerweile groß gewordene deutsche buddhistische Dachverband "Deutsche Buddhistische Union (DBU)" gegründet worden. Dessen Geschäftsstelle lag über 20 Jahre in Hamburg bei Max Glashoff, der heute der Ehrenpräsident der DBU ist.

Die "Hamburg-Connection" nach Sri Lanka blieb immer bestehen. Die bis zu ihrem Tode 1997 einflussreichste buddhistische Lehrerin Deutschlands, die Nonne Ayya Khema, wurde auf Sri Lanka ordiniert. Sie übernahm 1987 das Lehrpatronat der BGH. Im Jahre 2000 war auch erstmals der Mönch Bhikkhu Bodhi in Deutschland, dabei länger in Hamburg, wo er Vorträge und Seminare gab. Der promovierte New Yorker lebte viele Jahre auf Sri Lanka, wo er auch den wichtigsten internationalen Verlag des frühen Buddhismus Theravâda leitete: Die "Buddhist Publication Society (BPS)". Dieser Verlag war von dem deutschen Mönch Nyanaponika (1901-1994) begründet worden. Bhikkhu Bodhi setzt heute die Arbeit seines Lehrers Nyanaponika fort und widmet sich ganz der Neuübersetzung sowie Kommentierung der Reden des Buddha im Pali-Kanon. Er hat sie durch ein hochmodernes Englisch sowie zahlreiche Kommentare erstmals breit zugänglich gemacht. Es geht ihm um eine "Sprache, die klar für den modernen Leser ist, der in Buddhas Reden persönliche Orientierung im angemessenen Verstehen und Führen des Lebens sucht".

Seine Arbeit gilt Kennern als die zentrale Wegbereitung für den kommenden "abendländischen Buddhismus". Im Oktober 2000 ist seine dreitausendseitige Übersetzung der Systematischen Sammlung erschienen, und zuvor hatte er bereits neu die zentrale Mittlere Sammlung (1500 Seiten) übersetzt (beide Werke sind bei Wisdom Publications erschienen). Gemeinsam mit Nyanaponika hat er ebenfalls eine Auswahl aus der Angereihten Sammlung vorgelegt (The Numerical Discourses of the Buddha, Altamira Press). Bhikkhu Bodhis viele Kommentare zu den Reden des Erwachten stehen etwa in der Website "www.accesstoinsight.org". 

Im Englischen und Deutschen existierte vor dem Werk Bhikkhu Bodhis und der Neuübersetzung der Langen Sammlung durch Maurice Walshe lediglich sehr alte wissenschaftliche Übersetzungen, welche für die praktisch Interessierten wenig hilfreich waren.

Bhikkhu Bodhi ist Nachfolger der beiden berühmten deutschen Mönche Nyanatiloka und Nyanaponika, die auch mit Hamburg verbunden waren. Nyanatiloka (1878-1957), dessen Bruder etwa hier lebte, war der erste buddhistische Mönch (1903) Festlandeuropas (kurz vorher, 1900 und 1902, wurden zwei Briten als erste Mönche des Abendlandes ordiniert). Nyanatiloka hat Pionierarbeit zum Pali-Kanon geleistet.

In Hamburg leben auch unabhängige Vipassanâ-Lehrende. Die Juristin Tineke Osterloh ist die deutsche Hauptschülerin von Christopher Titmuss, einem der westlichen Pioniere des Vipassanâ im englischsprachigen Raum. Sie leitet seit einigen Jahren im In- und Ausland längere Kurse. In Hamburg gibt sie regelmäßig etwa Abendgruppen. Auch die Vipassanâ-Lehrerin Dr. Sylvia Kolk, eine Hauptschülerin der oben erwähnten Nonne Ayya Khema, lebt in Hamburg. 

Außerdem gibt es hier noch einige ethnische Theravâda-Gruppen der in der Hansestadt lebenden Thailänder und Singhalesen. Die größte Pagode der Vietnamesen in Europa steht nicht weit entfernt von Hamburg in Hannover. 

Bhikkhu Bodhi betrachtet die Achtsamkeits- oder Einsichtspraxis Vipassanâ als das "Kronjuwel von Buddhas Lehren", welches heute neben dem Zen und dem tibetischen Buddhismus die dritte Haupttradition des Buddhismus im Westen darstellt. Als Praxis umfasst das Vipassanâ, das in all seinen Formen die befreiende innere Klarsicht der wahren "Natur aller Dinge" bezweckt, eine breite Palette sowohl natürlicher als auch technischer Schulungen einer "Trefflichen Achtsamkeit" bzw. intuitiv sehenden Bewusstheit.

In der Hansestadt stehen noch weitere altetablierte buddhistische Zentren, drei davon alleine in Altona, das mit seiner "Großen Freiheit" traditionell besonders weltoffen ist. Bei den tibetisch-buddhistischen "Kagyüpas" (Anhänger der mündlichen Übertragung) ist das Verhältnis zum Meister ganz zentral. Hier geht es um die "wahre Natur des Geistes" (Raum, Licht oder Klarheit), wozu der Spiegel des Meisters unverzichtbar sei. Der Richtung folgen das "Theksum Tashi Chöling" (mit dem traditionell ausgebildeten Tenpa Gyaltsen als tibetischem "Resident-Lama") neben dem Restaurant "Tibet" im Harkortstieg, und das "Buddhistische Zentrum" in der Linie des charismatischen dänischen Lamas Ole Nydahl. Dieses über 25 Jahre alte Zentrum in der Thadenstraße mit einer weitläufigen Anlage zählt zu den größten der rund 250 Zentren in der Linie des Dänen. Zur täglichen Abendmeditation versammeln sich hier bis zu 100 Menschen. Nydahl betrachtet die wahre Natur des Geistes als "Furchtlosigkeit, Freude und liebevolle Tatkraft". Es geht ihm um die "Buddha-Natur". Die Meditation dazu sei "ein müheloses Verweilen in dem, was ist". Diese beiden Gruppen verehren jeweils einen anderen, gegenwärtig noch jungen "Karmapa" (nach dem Dalai Lama der einflussreichste Würdenträger Tibets) als ihr "reinkarniertes" Oberhaupt. Dadurch ist ein Konflikt entstanden, der vor einigen Jahren in Medien wie dem stern Wogen schlug. Der Filmemacher Clemens Kuby drehte dazu den Kinostreifen Living Buddha.

Dieser Konflikt spielt in Hamburg kaum eine Rolle. Hier sind die Beziehungen zwischen den 25 buddhistischen Zentren und Gruppen sehr gut, nicht zuletzt wegen der zusammenführenden Aktivitäten der "Buddhistischen Gesellschaft Hamburg". Dies ist etwa immer wieder bei der gemeinsamen Organisation des öffentlichen "Vesakh"-Festes mit vielen Veranstaltungen zum Erwachen des Buddha im Mai klar geworden.

Das "Shambhala-Meditationszentrum" in der Thedestraße steht in der Linie des hochmodernen tibetischen Lamas und vielfachen Buchautors Chögyam Trungpa, der in Oxford vergleichende Religionswissenschaft, Philosophie und Kunst studierte. Er hat die Hauptwege des Buddhismus verflochten. Zu dieser Tradition gehören heute weltweit rund 150 Stadtzentren und Land-Retreathäuser, sowie die renommierte buddhistische Universität "Naropa-Institue" in Colorado, USA. Das Hamburger Haus ist eines der aktivsten der Shambhala-Tradition im deutschsprachigen Raum. Es werden hier regelmäßig Wochenendkurse mit internationalen Lehrenden (westlichen Schülern Chögyam Trungpas) angeboten, etwa im kulturübergreifenden "Shambhala Training" der Achtsamkeit zum "spirituellen Krieger in der Welt". Daneben gibt es Vortragszyklen und Meditationsabende. Ebenso die Wege des japanischen Zen (wie der Pfad des Bogens "Kyudo") und "Dharma Kunst" werden hier vermittelt. Die traditionellen tibetischen Lehren können auch gelernt werden. 

Die im Zen-Geist der Samurai verwurzelten japanischen Künste des "Budo" (für "Der Weg des Rittertums" oder "Adels"), wie Kyudo, Aikido, Karate und Judo, erfreuen sich in Hamburg besonderer Beliebtheit (alleine in Ottensen in Altona etwa gibt es vier eigene Aikido-Schulen neben den Vereinen).


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Die Lehre des historischen Buddha mit wenigen Worten:

Die Lehre des Erwachten ist kein geschlossenes "System" oder "Ismus". Deshalb betrachtet die Indologie den Buddha nicht als einen Philosophen, sondern als den "Erlösungspragmatiker". Der Erwachte nennt seine Lehre etwa eine "Handvoll Blätter", im Gegensatz zu den unüberschaubaren Blättern des Waldes: "Nur eines lehre ich, jetzt wie früher: Das Leiden und das Ende des Leidens." Der andere ursprüngliche Name für den großen Inneren Weg lautet: "Dharma" (das, was trägt). Diese ohne komplexe Erklärungen unmittelbar klare "Handvoll" bezweckt das "Verlöschen" Nibbâna des geistigen Feuers aus den "Inneren Zwängen" Kilesa (wie Verlangen, Abneigung, Neid, Eigendünkel, Geiz, Trägheit, Aufgeregtheit oder Zweifelsucht).

Das "Ungründliche Betrachten" aller Dinge als ein "Selbst" gilt als der Brennstoff dieses Feuers (die geistige Fixierung mit den drei Leidursachen "Nichtsehen, Durst und Ergreifen"). Der Weltlehrer verstand die "Mentale Vervielfältigung" Papañca als Hauptausdruck des Durstes. Er lehrt als das Gegenmittel die "Leerheit" Suññatâ: Alle Phänomene sind in Wahrheit flusshaft-vergänglich, ohne feste Standfläche, und folglich nicht das "Ich", das "Mein" oder ein getrenntes, greifbares "Selbst"; was in der Erfahrung befreiend zu "sehen" ist.

Der Erwachte sagt etwa in den Reden des Pali-Kanons (Mittlere Sammlung 22): "Ich sehe keine Lehre vom Selbst, die, wenn sie ergriffen wird, nicht Unglück, Wehklagen, Schmerz, Kummer und Hoffnungslosigkeit hervorbrächte." Deshalb lautet einer seiner Beinamen der "Nicht-Selbst-Verkünder". Denn mit der Anhaftung an einem separaten "Selbst" und "Mein" wird das wahre bzw. "Selbst"-lose Wesen aller Dinge übergangen, was fortwährend das Leiden erzeugt: Die Rotation im hauptsächlich innerlich zu verstehenden "Käfig" des "Wiedergeburtskreislaufes" Samsâra.

Im Haften an einem "Selbst" kommt es zu "Durst und Ergreifen" der Erscheinungen, die letztlich ungreifbare Eindrucksflüsse sind. Dieses Haften ist mit einer Art von geistigem Abgleiten oder Wegschlittern verbunden, was eine geistige "Rotation" mit sich bringt. Dieser zur Gewohnheit gewordene "Normazustand" des "weltlichen" Menschen speist sich aus Unbewusstheit, welche die leidvolle Verstrickung vorantreibt.

Deshalb ist im Buddhismus die natürliche Bewusstheit so zentral, der letztliche Zweck aller buddhistischen Meditationsmethoden. Denn die dualistische Illusion ist alleine durch Ethische Motivation, Geistige Stille oder Intuitives Wissen aus wachsender "Trefflicher Achtsamkeit" Sammâ Sati aufzulösen, den "Inneren Weg". Dabei fungiert die Kultivierung heilsamer Absichten als das Fundament. Denn unsere Handlungsabsichten gelten als der eigentliche, innere Formgeber Karma (Wirken, Rückwirken) des zukommenden Schicksales. Heilsame Absicht bzw. Ethische Motivation steht schlicht und einfach im Einklang mit der wahren, "Selbst"-losen Natur aller Dinge. Dieser Einklang wirkt als die Quelle von Stille und Weisheit bzw. der Großen Befreiung.


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Informationen zum Beitrag:

Eine Liste fast aller Hamburger buddhistischen Zentren mit Detailbeschreibungen sowie deren Adressen verschickt die "Buddhistische Gesellschaft Hamburg", Beisserstraße 23, 22 337 Hamburg; Tel: 040-6313696; Email: Buddh.Gesellsch.HH@t-online.de; Website: www.bghh.de

Die Vipassanâ-Lehrerin Tineke Osterloh hat Telefon 040-86646681; und Dr. Sylvia Kolk Telefon 040-39903360.

Tibetisches Zentrum Hamburg: www.tibet.de

Buddhistisches Zentrum Hamburg: www.buddhismus-nord.de

Rigpa-Studiengruppe Hamburg: www.rigpa.de

Shambhala Meditationszentrum Hamburg: www.shambhala.org/center/hamburg

Das Buddhismus-Abendstudium für Berufstätige: Harald Freese, Arbeitsstelle für wissenschaftliche Weiterbildung, Universität Hamburg, Vogt-Kölln-Straße 30 Haus E, 22 527 Hamburg; Tel: 040-42883-2476, Email: wb@aww.uni-hamburg.de; Website: www.aww.uni-hamburg.de


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