Tabufreie Zone im Dharma

Hier wird Raum für kritische Beiträge im Sinne der Einleitung zu dieser Website sein (vgl. "Der Zweck" von der Hauptseite). Dabei kann es sich um scharfe, aber es muss sich um Wohl-begründete Kritik handeln. Damit ist eine Kritik gemeint, die vom Willen zum übergeordneten "Wohl" motiviert ist, wenn sie Ansichten oder bestehende Zustände hinterfragt. Denn eine Kultur der offenen Auseinandersetzung liegt voll und ganz im Sinne des Dharma, der vom Buddha im alten Indien häufig in Auseinandersetzung mit anderen Lehransichten vermittelt worden ist.

Die Genauigkeit des Erwachten, was die vertretenen Sichtweisen angeht, hat den folgenden Grund: "Treffliche Sicht" (Sammâ Sati) ist das wichtigste Glied des Achtfachen Befreiungspfades. Denn sie gilt etwa als "Zugpferd", welches die anderen sieben Pfadglieder in das innere Land der Befreiung "nach sich zieht". So sagt der Buddha in der Systematischen Sammlung:

"'Gerade zum Ziel führend' lautet der Name dieses Pfades. 'Freiheit von Furcht' heißt das Land, wohin er führt. Der Streitwagen für diese Fahrt ist der 'Stille Läufer', mit den wohlgefügten Rädern des ernsthaften Bemühens. 'Bewusstheit' ist das Stützbrett auf dem Wagen und 'Achtgeben' das Schutzgewand für den Fahrenden. Was zum Heilsziel hinfährt, heißt der Innere Weg. 'Treffliche Sichtweisen' sind die Zugpferde. Sei es eine Frau, sei es ein Mann: Wer auch immer mit diesem Streitwagen fährt, wird damit in die Gegenwart des vollkommenen Erwachens gelangen."

Andererseits geht es mit verfehlter Sicht in die Irre. So lautet eine der häufigsten Wendungen in den Sammlungen der Reden des Buddha im Pali-Kanon "Asketen und Brahmanen". Wo diese Wendung in den Texten steht, folgt eine kritische Einschätzung der Ansichten bzw. Verhaltensweisen der Asketen und Brahmanen (der Sammelbegriff für die zeitgenössischen Lehrenden). Der Erwachte war weit davon entfernt, eine wesensgemäße Gleichheit der Religionen zu behaupten (vgl. den Beitrag Ist Buddhismus Esoterik? in der Rubrik "Topaktuelles").

Die Kritik in dieser "Tabufreien Zone" soll keine zynische, polemische oder verreißende Überkritik sein. Letztere fungiert bloß als Ventil oder Pflichtübung, um offensichtliche Zustände anzuprangern und das Thema dann wieder beruhigt "ad Acta" zu legen. Dadurch wird einem sich aufdrängenden Unbehagen Genüge getan, ohne jedoch dessen tiefere Ursachen bewusst zu machen. Eine solche Kritik kann und will im Grunde auch nicht die unbewusste Macht des Kritisierten überwinden. Im Unterschied dazu soll die hier zum Ausdruck kommende Kritik schlicht (zu)treffend, das eigentlich bereits von sich aus Klare verdeutlichend, Wohl-begründet bzw. die unbewusste Wirkungsdimension des Kritisierten außer Kraft setzend sein.



1)
Der wahre Tanz um das Goldene Kalb: Mit breiter Macht das Unbewusste ergriffen.

Auszüge aus der Einleitung: Trotz aller Postmoderne im jetzt 21. Jahrhundert hat das Denken des Entweder-Gut-oder-Böse bzw. Entweder-Gott-oder-Satan der vier theistischen Weltreligionen in den letzten Jahren wiederholt dazu gedient, Gewalt im großen Maßstab zu rechtfertigen. Die "religiös" begründeten Anschläge vom 11. September 2001 in New York, Afghanistan-Krieg, letzter Irak-Krieg, der "ewige" Nahost-Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern, oder auch Hindu-Fundamentalisten gegen islamistische Fanatiker in Indien. In all diesen Konflikten haben "religiöse" Begründungen eine klar "aufheizende" Rolle (gespielt). Es handelt sich hier bloß um besonders zerstörerische Neuauflagen mit hochmodernen Waffen des islamischen "Heiligen Krieges gegen die Ungläubigen" und des christlichen "Kreuzzuges gegen das Böse", die es in der Geschichte dieser Weltreligionen häufig gegeben hat. Die Kriegsparteien glauben sich ausdrücklich und stolz in göttlicher "Mission", einem von Allah oder "Gott gewollten Krieg". Da sie sich in göttlichem Auftrag wähnen, sind sie letztlich zu allem fähig.

Auch unbekannte "Tatorte" offenbaren es:

In Bangladesh betreiben die regierenden Islamisten eine seit langem höchst mörderische "ethnische Säuberung" der buddhistischen Minderheit. Vor Kurzem wurde dort zum Beispiel ein führender, international bekannter buddhistischer Mönch vor einem von ihm gegründeten Waisenhaus sprichwörtlich zu Tode gehackt. Tausende Buddhisten sind bereits umgekommen oder aus dem Land geflohen. Im afrikanischen Sudan bombardiert die muslimische Regierung die christlichen oder naturreligiösen Schwarzafrikaner im Süden des Landes (weit über eine Millionen Menschen sind dort in den letzten Jahrzehnten getötet worden).

Im Gesamtvergleich zwischen den monotheistischen Weltreligionen und dem Buddhismus, was die historische wie aktuelle Gewalt angeht, ist der Buddhismus (wenngleich er nicht frei von Gewalt geblieben ist) sehr friedlich. Dies gilt sowohl in dem Punkt, wie er in andere Länder gekommen ist, wie er die Mentalität ganzer Völkern geprägt hat, in welchem Maße er religionsinterne Konflikte kennt, welche Persönlichkeiten ihn gegenwärtig besonders verkörpern (etwa Thich Nhat Hanh, die beiden Friedensnobelpreisträger Dalai Lama und die burmesische Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi), als auch, inwieweit er kriegerische Konflikte durch Sichtweisen ideologisch "befeuert" hat. Hätte es in früheren Zeiten Massenmedien gegeben, wäre das Ungleichgewicht auf der großen Vergleichswaage zur Frage der Gewalt wohl ähnlich wie heute ausgefallen.

Dies soll nicht heißen, dass auf der Buddhismus-Seite dieser Waage keine Gewalt läge (der Bürgerkrieg auf Sri Lanka, wo Mönche nicht unbeteiligt sind), aber insgesamt ist es hier weitaus weniger.

Ein Hauptgrund dafür ist: Die buddhistischen Urtexte sind unmissverständlich friedfertig. Nichttöten ist hier das Erste Gebot. Es gibt hier auch keine "buddhagesegnete" Gewalt. (Selbst das Beispiel Sri Lanka, wo aktuell Waffenstillstand herrscht, ist eine wahre Ausnahme. Denn dort stehen sich mit den Singhalesen und Tamilen zwei Gruppen gegenüber, deren Konflikt auf dem indischen Subkontinent bereits vor dreieinhalb Jahrtausenden begonnen hat - ein Jahrtausend vor dem Buddha. Damals begannen die indoarischen Eroberer des Subkontinentes die drawidischen Ureinwohner zu unterwerfen oder in den Süden abzudrängen. Die Singhalesen sind ein indoarisches und die Tamilen ein drawidisches Volk.)

Wo liegt nun aber die eigentliche und wahre Ursache, dass, was diesen Gesamtvergleich zwischen den monotheistischen Weltreligionen und dem Buddhismus zur Frage der Gewalt angeht, jene auffällig klaren Unterschiede existieren?

 

2)
Das "Buddhistische Bekenntnis" des Dachverbandes "Deutsche Buddhistische Union": Eine kritische Analyse dieses Bekenntnisses, welches als "Grundlage der Arbeit in der Deutschen Buddhistischen Union (DBU)" gilt. Die DBU betont dazu etwa: "Das Buddhistische Bekenntnis spiegelt zugleich den Geist und die Grundlehren des Buddha." Die DBU vertritt nur einen Teil der buddhistischen Gruppen oder Einzelaktiven in Deutschland. (Neu gegenüber der Fassung in den Buddhistischen Monatsblättern 4/01.)

 

Kusinara

Kusinâra

Der Gedenktempel in Kusinâra, Indien. Hier ist der historische Buddha in einem Hain aus Sâl-Bäumen im Jahre 483 v. Chr. sanft lächelnd entschlafen, umgeben von einer trauernden Schar Menschen und Waldtieren. Sein Vermächtnis heißt wachsende Klarsicht zum Zwecke der Befreiung.

Eine seiner Aussagen lautet: "Die Welt hadert mit mir, doch ich hadere nicht mit der Welt." Die Welt hadert bloß mit einem, der auch Unbequemes sagt. Dies ist ein integraler Bestandteil der Lehre des Erwachten - "ohne Rücksicht" zu benennen, was in Treue zur Wahrheit zu benennen ist. Andererseits ist es wichtig, dass dies aus angemessener, heilsamer Motivation geschieht.

 


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