Warum die acht Glieder
des buddhistischen Befreiungspfades
"trefflich" heißen


Hans Gruber


Mit diesem Beitrag wird die Neuübersetzung "trefflich" und "verfehlt" für die wichtigsten Attribute des Pali-Kanons "sammâ" und "micchâ" näher begründet. Diese Attribute sind so zentral, weil sie die Glieder des "Achtfachen Pfades" zum Heil und Unheil bestimmen. Es geht hier auch um die Gründe, die gegen die übliche abendländische Übersetzung "recht" und "falsch" oder "right" und "wrong" sprechen..

 

Sammâ ist das Attribut der acht Glieder des Befreiungspfades (Atthangika Magga). Dieser ist vom Buddha bereits mit seiner ersten Rede von den vier "Edlen Wahrheiten" (Ariyâ Saccâ) vom Leiden, dessen Ursache, dessen Ende sowie dem dahin führenden Weg verkündet worden; nämlich als die vierte "Edle Wahrheit" vom "Weg, der zum Leidensende führt". Der Erwachte nennt diesen inneren Pfad auch den "Mittleren Weg" (Majjhimâ Patipadâ), weil er frei von allen "unedlen Extremen" ist , was die Sicht auf die Dinge und das Verhalten angeht.

Die angemessenste deutsche Wiedergabe dieses zentralen Attributes sammâ (sanskrit samy-añc / sam-yak) muss Zweierlei zum Ausdruck bringen:

A)
Die nicht-dualistische Ursprungsbedeutung von sammâ für "zueinander, in eine Richtung gekehrt", "zusammengehend", "zusammentreffend", "in eins verbunden" oder "in einer Linie befindlich".

B)
Das positiv Bewertende von sammâ. Das deutsche "recht" und das englische "right" leisten lediglich das positiv Bewertende; und dies auch nur in einer rein postulativen Weise, die keine Begründung mitgibt, warum es positiv gesehen wird.

 

"Recht" und "right" ist die breit etablierte, wenngleich nicht die einzig kursierende Übersetzung. Vor der Darstellung der eigenen Übersetzungswahl muss hier also zunächst die Kritik an "recht" näher begründet werden:

 

1) "Recht" legt nahe, dass die Glieder des Befreiungspfades Angelegenheiten sind, die mit einmalig getroffenen Entweder-Oder-Entschlüssen (eben für "recht" oder "falsch") zu entscheiden wären. Doch es handelt sich beim inneren Befreiungspfad klar um eine allmähliche (wenngleich konsequente) Höherentwicklung, um einen inneren Entwicklungsprozess des zunehmenden Zusammentreffens der Pfadglieder mit der höchsten Wirklichkeit bzw. "wahren Natur" der Dinge. Die Frage, womit die Pfadglieder gemäß jener Ursprungsbedeutung von sammâ "zusammentreffen" oder "in eins verbunden werden" sollen, ist bloß so zu beantworten: Mit der wahren Natur der Dinge, die vom Buddha als "flusshaft-vergänglich, letztlich keinen Stand bietend (nicht-hinreichend für Glück), bzw. das Nicht-Selbst" (anicca, dukkha und anattâ) beschrieben worden ist. Sammâ deutet klar dieses Wesen der Dinge an, das laut dem frühen Buddhismus mit der meditativen Einsicht befreit. Folglich muss auch die deutsche und die englische Wiedergabe dieses Andeuten leisten.

2) Der innere Befreiungspfad ist ein Pfad mit Entwicklungsstufen zur höchsten Befreiung, welche als möglich und auch Not-wendig im Leben gelehrt wird (Entwicklungsstufen bis hin zum "Âriya"(Edle/r), also einem der Befreiung gewiss zugehenden Menschen, indem er nun den Weg der endgültigen Befreiungsstufen hin zum Nirvâna betreten hat; oder die Stufen der Reinheit; oder die Vertiefungen in der geistigen Sammlung; und im Mahâyâna die Bodhisattva-Bhûmîs).

So muss die Wiedergabe von sammâ Raum für eine allmähliche Höherentwicklung lassen, was "recht" als das Attribut der acht Pfadglieder nicht leistet. Denn wenn die "rechte Sicht" usw. einmal gefunden ist, dann war es das, dann bleibt sie so, weil es ja keine "rechtere Sicht" als eine "rechte Sicht" gibt (genauso bei den anderen sieben Gliedern). Weil es bloß eine "rechte Sicht" usw. gibt, wäre mit dem Auffinden dieser "rechten Sicht" usw. die Aufgabe bereits erfüllt und im Grunde der Achtfache Pfad bereits realisiert. So wäre auch das höchste Ziel des Weges schon erreicht. Diese Suggestion von "recht" entspricht nicht der Pfadlehre des Erwachten.

3) "Recht" legt nahe, dass die acht Glieder des Befreiungspfades jene nur einmal, dann bereits endgültig getroffenen Lösungen wären, wie sie in erster Linie unser Denken auffinde; so wie zum Beispiel für eine Mathematik-Aufgabe auch bloß eine "richtige" oder eine "falsche Lösung" auszumachen ist. Doch die acht Glieder des Befreiungspfades verlangen (innerhalb der ethischen Grundbahnen) situativ angepasste Lösungen. Der Buddha war für seine "geschickten Mittel" berühmt; etwa dafür, dass er die gleiche Frage verschieden beantwortet bzw. auf unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Mitteln zur Befreiung und Lehren reagiert hat. Auch zeigt seine kritische Haltung gegenüber dem gewöhnlichen Denken (vgl. etwa die Rede Die Wurzel aller Dinge, Mittlere Sammlung 1, oder seine vielen Aussagen zu "Papañca" und "Maññanâ"), dass hier eine wachsende intuitive Instanz über das Denken hinaus notwendig ist, um die Pfadglieder zu verwirklichen. Dies ist eine "Achtsamkeit zum Sehen" (Sati Paññâ) der wahren Wirklichkeit, wie sie mit der Rede von den Vergegenwärtigungen der Achtsamkeit (Satipatthâna-Sutta, Mittlere Sammlung 10) als der inneren Quelle des Befreiungspfades betont wird.

4) Das Wort "recht" beruht etymologisch auf alten Ausdrücken für "aufrichten, geraderichten, gerade" und "richten, lenken, führen, herrschen". So gehören zur Familie von "recht" etwa die Begriffe "Regent, Rektor, Regie, Regime"; "richten, Gericht"; oder auch "rechtgläubig". Diese Bedeutungen schwingen unbewusst im Gebrauch des Adjektives "recht" mit. Sie haben ein "Selbst" im Fokus, das sich "aufrichtet, geraderichtet"; "führt, herrscht"; oder "richtet" (in dem Sinne, dass diese Handlungen von einem deutlichen "Selbst" als ihrem Subjekt ausgehen).

Aber die Verwirklichung des vom Erwachten gewiesenen Befreiungspfades ist das allmähliche Verstehen jener "Drei Daseinsmerkmale" (Tilakkhanâ); nämlich dass alle geistigen und körperlichen Phänomene "flusshaft-vergänglich, letztlich keinen Stand bietend, nicht-hinreichend für Glück und deshalb das universelle Nicht-Selbst (anicca, dukkha und anattâ) sind. Dies bedeutet, dass mit der inneren Veredelung allmählich das Bewusstsein von "Selbst" und "Mein" aus den acht Gliedern des Befreiungsweges schwindet (und damit auch die Leidursachen "Durst oder Ergreifen"). Auch deshalb sollte die Wiedergabe von sammâ das Zusammentreffen unserer Sichten, Taten oder Haltungen mit der "Selbst"-losen Natur aller Dinge andeuten. Das von einem "Selbst" ausgehende "recht" leistet dies nicht. Ein (im "recht"-Denken) das "Selbst" betonender Pfad stärkt den Dünkel (Mâna), der vom Erwachten als besonders tiefe Geistesfessel (Samyojana) gesehen wird.


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Die eigene Begriffswahl

Welche deutsche Wiedergabe erfüllt die oben erwähnten beiden Grundbedeutungen von sammâ und schließt jene Suggestionen von "recht" aus? Dafür kommen die drei Begriffe "trefflich, vortrefflich und angemessen" in Frage. "Trefflich" ist hiervon am geeignetsten. Denn dieses Wort (wenngleich es ein altes, doch nicht veraltetes Wort ist), wird unmittelbar mit "treffen" oder "zusammentreffen" (also der Ursprungsbedeutung von sammâ) assoziiert. Dadurch wird jenes flusshaft-vergängliche, letztlich nicht-tragfähige bzw. "Selbst"-lose "Wesen aller Dinge" (sabbe dhammâ anattâ) angedeutet, mit dem die Glieder des Befreiungspfades im immer höheren oder eingehenderen "Sehen" (Vipassanâ) aus Achtsamkeit (Sati) "zusammentreffen" sollen. "Trefflich" enthält auch das positiv bewertende "vortrefflich", mit dem Beiklang von "edel". Dies passt zudem genau zu den "Vier Edlen Wahrheiten", wovon der Achtfache Pfad ein Teil ist. So liegt "trefflich" wie sammâ ideal in der Mitte zwischen "zusammentreffen" (mit der höchsten Wahrheit) und "vortrefflich" (der mit "edel" verwandten positiven Bewertung).

Außerdem wirkt "trefflich" poetisch-literarisch. Es ist schön und nicht nur sachlich-beschreibend. Es ist ein noch kaum vorbelegter, weil kaum benutzter Begriff. Schließlich lässt er Raum für die Allmählichkeit des Entwicklungsprozess bzw. das wachsende Zusammentreffen, welches der Achtfache Pfad eben als ein Pfad umfasst. Hier liegt ein Unterschied zu "ganz" oder "vollkommen", die alleine das Endergebnis eines Zusammentreffens andeuten, was sozusagen "die Latte zu hoch" ansetzt. Denn "trefflich" kann gesteigert werden (mit "trefflicher" und "am trefflichsten"), "ganz" oder "vollkommen" dagegen nicht. "Angemessen" ist kaum poetisch, erscheint in zuvielen Kontexten und wirkt nicht positiv genug.

Das Englische kennt keine genaue Entsprechung zu "trefflich" (außer vielleicht dem sehr alten "meet" als ein Adjektiv). So käme hier "adequate" für "angemessen, passend" in Frage, oder das poetische "choice", das nicht nur substantivisch "Wahl", sondern auch adjektivisch "erlesen" bedeutet. Das Oxford Advanced Learner's Dictionary of Current English erklärt "choice" mit "sorgfältig gewählt, ungewöhnlich gut". "Sorgfältig gewählt" deutet an, wenn auch sehr indirekt, dass bei einer sorgfältigen Wahl überindividuelle Faktoren berücksichtigt wird (jene Drei Daseinsmerkmale, mit denen unsere Sichten usw. zusammentreffen sollen).


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Das Gegensatzpaar sammâ-micchâ

Sammâ erscheint häufig mit seinem Gegenstück micchâ, das im Deutschen am besten mit "verfehlt" anstatt mit "falsch" wiederzugeben ist. Im Englischen wäre die Verneinung von "adequate" zu wählen, also "inadequate". "Verfehlt" entspricht der Ursprungsbedeutung von micchâ (sanskrit mithuyâ, mithush-car); nämlich des konflikthaften Entgegengesetztseins bzw. Nicht-Zusammenpassens zweier Dinge (den subjektiven Äußerungen von Ansicht, Willensregung, Verhalten bzw. Haltung mit jener wahren Natur der Dinge). "Falsch" enthält nicht dieses Missverhältnis zweier Dinge (wie es "verfehlt" tut), sondern bewertet gleichsam "losgelöst" (von lateinisch "absolut/us") bzw. abgetrennt etwas als an sich negativ.

"Verfehlt" drückt (relativ neutral) das Nichttreffen jenes Wesens aller Dinge aus, ohne einen moralischen Beigeschmack wie "falsch" zu haben. So rücken "trefflich" und "verfehlt" beide jene Realität mit in den Blick, im Hinblick worauf die positive oder negative Bewertung formuliert wird - je nach dem Treffen oder dem Nichttreffen jener Realität. Das Gleiche gilt auch für die ethischen Hauptbegriffe "heilsam" (kusala) und "unheilsam" (akusala), welche die Wirkung einer Handlung andeuten. Daran bemisst sich ihre positive oder negative Bewertung.

Hier gibt es einen Unterschied zum christlich-dualistischen "gut" und "böse", weil diese (wie "recht" und "falsch") moralische An-sich-Entitäten postulieren, die "nun einmal so sind", ohne dass sie es im Verhältnis zu einer wahren Realität oder einer Tatwirkung wären. Dies heißt, man muss sie hier so (als ob "von oben gegeben oder gewusst") annehmen, ohne sie wirklich selber überprüfen zu können. "Recht" deutet also nicht bloß jene zentrale Ursprungsbedeutung nicht an, es bewertet auch in absoluter Weise positiv, die im Grunde keine weitere Steigerung zulässt; und es bewertet in postulativer Weise positiv, die nicht selbst bereits den Grund für die positive Bewertung impliziert (wie "trefflich" und "ganz" dies tun, insofern sie jenes Zusammentreffen mit der wahren Natur aller Dinge als den Grund für ihre positive Bewertung beinhalten). In diesem absoluten und postulativen Sinne verurteilt zum Beispiel der maßgebliche katholische Kardinal Joseph Ratzinger die modern-liberale Theologie, welche offen für verschiedene Wege ist, als "eine zynische Auffassung", in der sich eine "Verachtung der Frage nach der Wahrheit" und des "rechten Ethos" ausdrücke (Der Spiegel, 25. 12. 2000).


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Abschließende Reflektion

Es bleibt die Frage, warum trotz des Gesagten die Übersetzung "recht" so etabliert ist. Hier liegt die Vermutung nahe, dass der Hauptgrund in der unbewussten Vorprägung der abendländischen Mentalität durch die dualistischen Glaubens- und Denkkategorien des über Jahrhunderte wirksamen Christentums liegt. Diese Prägung ließe sich auch zu weiteren etablierten Übersetzungen nachweisen. Selbst in der Biografie mancher asiatischer Meister könnte man analoge Einflüsse entdecken, etwa durch die jahrhundertelange Kolonialbeherrschung und christlich-missionarisch gelenkte Schulbildung. Ein weiterer Einfluss im vom Theravâda geprägten Südostasien, der eine gelegentliche Entscheidung auch dort für "right" mitbedingt, sind die späteren Kommentare und der Abhidhamma (der dritte "Korb" des Pali-Kanons). Der Abhidhamma enthält die nach dem Erwachten verfassten theoretisch-scholastischen Kommentare zu dessen Reden. Der Abhidhamma ist zu einem Teil erst sehr spät (in den Jahrhunderten nach Christus) entstanden. In diesem Korb haben sich manche substanzorientierte, "absolute" Schlüsse und Deutungen durchgesetzt, wie sie in den alten Reden des Buddha nicht vorkommen.

 

Philologischer Hinweis

Die klassischen Wörterbücher sowie Mayrhofers Standard Etymologisches Wörterbuch des Altindischen ("mithuyâ, mithyâ... entgegengesetzt, paarweise" und "samyañc/samyak/samîc ... für sam-añc") bestätigen jene genannten Ursprungsbedeutungen. Auch Monier Williams mit dem gängigsten Sanskrit-Wörterbuch für den Studiengebrauch zerlegt "samyañc / samyak" in "2. sam" für "zusammen" und "2. añc" für "gewandt zu, gerichtet nach".


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