Der Buddhismus in einer Nussschale

Eine lexikalische Kurzübersicht
über den Buddhismus

Hans Gruber


Buddhismus: Eine der drei Weltreligionen (neben Christentum und Islam), die nicht weitgehend auf ein Volk beschränkt ist (wie beim Judentum und Hinduismus der Fall). Sie geht zurück auf den Inder "Buddha" (sanskrit für "Erwachter", Datum meist: 560-480 v. Chr.). Bekannte Beinamen sind "Shâkyamuni" (Der Weise aus dem Shâkya-Geschlecht) und "Siddhârtha" (Der das Ziel Erreicht Hat). So lautet auch der Titel von Hermann Hesses weltberühmtem Roman, der in über 50 Millionen Exemplaren verkauft und alleine in zwölf indische Sprachen übersetzt worden ist. Diese Religion ist bis heute das zentrale kulturelle Verbindungsglied Asiens. Die mentalitätsprägende Kraft des Buddhismus im Morgenland ist der mentalitätsprägenden Kraft des Christentums im Abendland vergleichbar.

Der Buddha sah sich als einen voll erwachten Menschen, nicht als Propheten oder Sohn eines Gottes. Dieser Unterschied gründet in seinem anderen Verständnis von der "Höchsten Realität" als dem allbezogenen "Nicht-Selbst" (Anattâ) aufgrund der flusshaft-vergänglichen, letztlich nicht-tragfähigen "Natur" aller Welt-Phänomene.

In diesem Sinne betont Nyanatiloka, ein sehr prägender westlicher Mönch der frühbuddhistischen Tradition des "Theravâda" (Lehre der Ältesten): "Die Lehre von Nicht-Selbst besagt, dass es weder innerhalb noch außerhalb der körperlichen und geistigen Daseinserscheinungen irgend etwas gibt, das man im höchsten Sinne als eine für sich bestehende, unabhängige Ich-Wesenheit oder Persönlichkeit bezeichnen könnte. Dies ist die Kernlehre des ganzen Buddhismus, ohne deren Verständnis eine wirkliche Kenntnis des Buddhismus schlechterdings unmöglich ist." Der Erwachte betrachtet alle religiösen Lehren von einem "Selbst" sehr kritisch, darunter auch den "Seelenglauben". Er resümiert seine Haltung etwa im Gleichnis von der Schlange (Mittlere Sammlung): "Ich sehe keine Lehre vom Selbst, die, wenn sie ergriffen wird, nicht letztlich Unglück, Wehklagen, Schmerz, Kummer und Verzweiflung hervorbrächte."

Denn jede Lehre von einem "Selbst" (die Sicht, dass es im höchsten Sinne real existiere) widerspricht der wahren, "Selbst"-losen "Natur" aller Dinge. Somit wirkt sie als metaphysische Rückversicherung des Bewusstseins von "Ich und Mein", und damit auch von "Nichtsehen, Durst oder Ergreifen" mit deren affektiven Abzweigungen der "Inneren Zwänge" (Kilesa). Dies ist der ganze Komplex der inneren Leidursachen. Die buddhistische Realitätssicht ist etwa durch die verzweigte Bewegung der "Theosophie" (Weisheit Gottes) verstellt worden. Sie ist historisch genau zu dem Zeitpunkt hervorgetreten, nachdem durch die westliche Wissenschaft unabweisbar geworden war, dass es neben den (mono-)theistischen Weltreligionen eine weitere gibt, die sich von deren Kernlehren klar unterscheidet.

Der Erwachte verstand seine Praxislehre als ein Angebot an andere Menschen, ebenfalls zum vollen Erwachen zu kommen. Der Weg dahin gilt als das "Zeitlose, Universelle" Gesetz des "Dharma" (Das, was trägt oder hält). Wer es auf seinem individuellen Wege zunehmend erkenne und beachte, verwirkliche allmählich die wahre Befreiung von Geist oder Herz inmitten und für die Welt.

Dieser kulturübergreifende "Innere Weg", wie die Lehre etwa in Tibet alleine heißt, ist das Dreigespann Ethische Motivation (Sîla), Geistige Ruhe (Samâdhi) bzw. Intuitives Wissen (Paññâ), die sich wechselseitig aufbauen. Als ihre alltägliche Quelle gilt eine "Treffliche Achtsamkeit" (Sammâ Sati), die mit jener wahren "Natur aller Dinge" in Einsichtsharmonie kommt (sie langsam offenbart). Dieser Weg mündet in die "Endgültigen Befreiungsstufen", die einen Menschen zum Ariya (Edle/r) bzw. "Wahren Menschen" machen. "Erlösungspragmatismus" ist ein Terminus der Indologie für die Praxislehre des Buddha, etwa gemäß dessem Kernzitat: "Nur eines lehre ich, jetzt wie früher: Das Leiden und das Ende des Leidens."

Der Name "Buddhismus" legt ein geschlossenes Lehrsystem nahe, was lediglich für manche der späteren philosophischen oder scholastischen Traditionen gilt. Die Namen, die während der Zeitspanne von rund 500 Jahren nach dem Tode des Buddha in der gesamten altindischen Literatur für dessen Praxislehre verwandt wurden, enthielten bloß das Wort "Dharma", wie jüngste Forschungen aufgezeigt haben.

Die beiden zentralen Erklärungsreden des Buddha zu diesem Weltgesetz behandeln die "Vier Edlen Wahrheiten" (vom Leiden, dessen Ursache, deren Ende, sowie dem Weg dahin), und als befreiend zu sehende Erfahrungstatsachen die "Drei Daseinsmerkmale" (alles fließt, trägt nicht wirklich, im allbezogenen Nicht-Selbst).

Die beiden zentralen Praxisreden des Erwachten zur Trefflichen Achtsamkeit bzw. Meditation (als der systematisch eingeübten Trefflichen Achtsamkeit) geben die Mittel, um allmählich zum Verstehen dieser "wahren Natur" aller Dinge zu "erwachen": Die Rede von den Vergegenwärtigungen der Achtsamkeit sowie Die Rede vom Bewussten Ein- und Aus-Atmen. Für die Praxis des frühen Buddhismus zentral sind auch die natürlichen vier "Großen Elemente" Erde, Wasser, Feuer und Luft als "Selbst"-auflösende Spürqualitäten (Gewichtiges, Widerständiges und sichtbar Ausgedehntes "Erde"; Flüssiges, flexibel Zusammenhaltendes und Konturengebendes "Wasser"; Temperiertes, Energiegebendes und Aufzehrendes "Feuer"; sowie Bewegtes Wind oder Luft).

Die einzige frühbuddhistische Schule, die überlebt hat, ist jener Theravâda (Lehre der Ältesten). Dessen bekannteste Praxis ist die Kultivierung der sehenden, Trefflichen Achtsamkeit Vipassanâ. Der Theravâda kam unter dem großen buddhistischen Kaiser Indiens, Ashoka (272-231 v. Chr.), nach Sri Lanka. Von hier übernahmen ihn ab dem elften Jahrhundert die südostasiatischen Länder. Er ist heute außer auf Sri Lanka in Burma, Thailand, Kambodscha, Laos und Teilen Vietnams maßgeblich. In seinem Pali-Kanon sind die ältesten vollständig überlieferten Redensammlungen (Nikâya) des Buddha enthalten, die in der Indologie als Hauptquelle zu dessen Lehre gelten.

Ab der Zeitwende kam es im alten Indien zur Bewegung des "Mahâyâna" (Großes Fahrzeug), die sich fortan vom frühen Buddhismus als "Hinayâna" (Kleines Fahrzeug) abgrenzte. Das primäre Motiv zum Mahâyâna war, den inneren Befreiungsweg möglichst breitangelegt und leicht zugänglich zu machen. Dabei wurde das Mitgefühl zum entscheidenden Beweggrund aller nach Befreiung Strebenden. So rückte das alte Ideal vom Bodhisattva als dem wahrhaft selbstlosen Weltbefreier hier voll ins Zentrum, aufbauend auf den Vier "Unbegrenzten" Liebe, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut des frühen Buddhismus. Mit dem Mahâyâna kam es zur Annahme transzendenter, erlösungsmächtiger oder absoluter Bodhisattvas und Buddhas, sowie als dem inneren Band zu diesen der "Buddha-Natur" (was deren befreiende Wirkungsmacht erst gestatte). Die "Buddha-Natur" ist die an einer "Ewigen Seele" orientierte Umdeutung der Lehre des Buddha vom selbstlosen "Wahren Menschen".

Jene "absolute" Sicht vom Erwachten wird an der Mahâyâna-Lehre von den transzendenten "Drei Körpern" sehr klar: Verwandlungskörper (Nirmâna-Kâya), wodurch der Ewige Buddha sich auf der Welt manifestiere; Genusskörper (Sambhoga-Kâya), wodurch er in seiner überirdischen Form für die Hochverwirklichten lehrend sichtbar werde; sowie Wahrheitskörper (Dharma-Kâya), wodurch er in permanenter Schau der Höchsten Wahrheit der universellen Leerheit ruhe. Shântideva (7.-8. Jh., Indien) hat das Ideal vom Bodhisattva später "rein menschlich" gesehen und tief geschichtswirksam gemacht.

Die Hauptquellen des Mahâyâna sind die Mahâyâna-Sûtren, welche in zwei Gruppen zerfallen, sodann vor allem die Philosophieschule des "Nur-Geist" (Chittamâtra, Yogachâra), woraus auch die großen Systeme von Logik und Erkenntnistheorie hervorgegangen sind (mit Dignâga, und Dharmakîrti), sowie die ganze Denkschule des "Mittleren Weges" (Madhyamaka).

Letztere hat jedoch in verschiedenste Richtungen gewirkt, und vertritt in ihrem Ursprung nicht das Mahâyâna. Dieser Ursprung ist das Hauptwerk des Nâgârjuna (2.-3. Jh. n. Chr., Indien), welcher nach dem Buddha als die prägendste Persönlichkeit im ganzen Buddhismus gilt.

Er hat die Herzlehren des historischen Erwachten vom "Mittleren Weg", dem "Entstehen in Abhängigkeit" (aufbauend auf der frühbuddhistischen "Kausalkette der Verstrickung", vgl. das "Bildresümee" des tibetischen Lebensrades), oder der universellen "Leerheit" von einem "Selbst", der "Begrifflichen Verselbstständigung" (Prapañcha), den "Beiden Wahrheiten", sowie von "Samsâra ist Nirvâna" (womit die Befreiung des Nirvâna, wie es der Buddha versteht, als rein daseinsimmanent betont wird) wieder voll bewusstgemacht, in Reaktion auf scholastische und verabsolutierende Überlagerungen.

Unter dem altindischen König Kanishka (wohl 78-144 n. Chr.) vom zentralasiatischen Hirtenvolk der Kushânas gelangte das Mahâyâna über die Seidenstraße nach China, am Beginn dessen Verbreitung nach Zentral- und Ostasien. Von China kam der Buddhismus nach Vietnam (2. Jh.), Korea (3. Jh.), Japan (6. Jh.) und Taiwan (14. Jh.). Die dort heute prägenden Mahâyâna-Traditionen des Amitâbha-Buddhismus (Reines-Land-Schule), Tendai und Zen (chines. Chan) wurzeln alle im alten China. Sie sind hier erst entstanden, auf Grundlage der importierten indischen Fundamente. Aber auch in Japan kam es zu neuen Volksbewegungen des Buddhismus, etwa der Umformung der "Schule vom Reinen Land" durch Shinran oder dem "Nichiren-Buddhismus" sowie dessen modernen Hauptzweigen "Sôka gakkai" und "Risshô Koseikai".

Der Zen (heute vor allem der Sôtô- und Rinzai-Zen) ist eine Synthese aus verschiedenen Lehrsträngen: Er beruht einmal auf der frühbuddhistischen Betonung von Meditation und Vertiefung Jhâna. Dies äußert sich in der Praxis des Zazen. Jhâna (sanskrit "Dhyâna") wurde in China lautmalerisch als "Chan" und dann in Japan als "Zen" wiedergegeben. Andere Kernmerkmale des Chan bzw. Zen sind spezifisch chinesisch oder taoistisch: Die ausgesprochene Betonung von "Innerem Licht" bzw. "Erleuchtung", das Einsetzen von paradoxen Fragen "Kôans", sowie eine gewisse Abneigung gegen analytisches Denken und rednerische Auseinandersetzungen. Im Zen laufen auch ursprünglich gegenläufige Lehrstränge zusammen, besonders der "Nur-Geist" und die "Leerheit". Wegen dieser Eigenheit betont der Zen stark die Lehre von der Nicht-Dualität.

Ab Mitte des ersten nachchristlichen Jahrtausends entwickelte sich in Indien der tantrische Buddhismus, in gegenseitiger Beeinflussung mit dem Hinduismus. Die Praktizierenden des Tantra stammten aus allen Schichten und häufig niederen Kasten. Es waren auch Frauen. Dies hieß in Indien einen Bruch der Tradition, wie zur Zeit des Buddha, der einen weiblichen Orden begründet hat. Die tantrischen Meister standen oft im gewöhnlichen Leben. Auch die Reden des Pali-Kanons berichten von zahlreichen Laien aller Stände, Frauen wie Männern, welche die Endgültigen Befreiungsstufen verwirklicht haben.

Das Tantra bildet sich auch als Gegenbewegung zu den erstarrten Wegen des philosophischen Studiums im Mahâyâna und sich herausbildenden Klosterinstitutionen. Es betonte die praktische, weltzugewandte Seite der spirituellen Entwicklung. Es verstand auch die Lockungen der Sinnenwelt als potentiell direktes Werkzeug für die Befreiung von den Inneren Zwängen. Die im Hinduismus zentrale Unterscheidung "rein" oder "unrein" etwa galt hier nichts mehr. Im Kastensystem sind die Menschen, ihre Berufe sowie ihre Nahrung fest in einer Hierarchie von geburtlich festgelegten Reinheitsstufen platziert. Die Tantriker dagegen folgen dem Gelübde, sich überall die Reinheit von allem bewusstzumachen. Sie sehen die Reinheit als die "Auflösung aller Gegensätze". So wirkt hier etwa Nâgârjunas "Alles ist leer vom Selbst".

Doch es gibt auch klare Unterschiede des Tantrismus zum frühen Buddhismus:

1) Die überragende Stellung des Meisters "Guru" aufgrund des "geheimen" (esoterischen) Charakters der tantrischen Methoden, wie es vor allem die "Einweihung" und das dadurch vermittelte Praxisritual "Sâdhana" verdeutlichen. 2) Dieser Charakter der Lehre als nicht direkt und offen zugänglich. 3) Das Arbeiten mit den feinstofflichen Körper-Energien und Energie-Zentren "Chakren", die nicht auf der Lehre des Buddha, sondern dem hinduistischen Yoga beruhen. Die tantrischen "Meditationsgottheiten" stehen für einzelne Aspekte des Buddha-Geistes, die durch Identifikation zum Teil von sich selbst werden sollen, um damit die eigene Buddha-Natur zu realisieren.

Im achten Jahrhundert konnte sich das Tantra etablieren und wurde in die buddhistischen Klosteruniversitäten aufgenommen. Jetzt entstanden die Grundlagenwerke der tantrischen Literatur, etwa das Guhyasamâja-Tantra und das Kâlachakra-Tantra. Die Kâlachakra-Einweihung gilt heute als ein Beitrag zum Weltfrieden. Der Dalai Lama hat sie zuletzt vom 11. bis 23. Oktober 2002 im österreichischen Graz gegeben, wozu Tausende kamen.

Die charismatische Bewegung der 84 Mahâsiddhas (Große Realisierte) ab dem achten Jahrhundert knüpfte wieder an die tantrischen Ursprünge an. Die Mahâsiddhas, zuerst Saraha, verfassten die spontanen Gesänge des Erwachens "Dohas". Diese Bewegung hat in Tibet stark fortgewirkt, etwa mit dessem "größten Heiligen", Milarepa.

In dieser ganzen Epoche der ostindischen Pâla-Dynastie (Bihar und Bengalen, 8. bis 12. Jh), welche den Buddhismus protegierte, importierte Tibet das Mahâyâna einschließlich des Tantrismus in zwei großen Wellen: Im achten Jahrhundert (durch den indischen Mahâsiddha Padmasambhava), und dann nach der Verfolgung durch Langdarma endgültig ab dem elften Jahrhundert (durch den Gelehrten und Tantriker Atîsha). Von Tibet übernahm die Großmacht Mongolei unter Kublai Khan (1215-1294), dem Enkel Dschingis Khans, die buddhistische Lehre. Der tibetische Buddhismus ist heute auch in Bhutan, Sikkim, Ladakh, Teilen Nepals und Westchinas maßgeblich.

Im tibetischen Buddhismus hat der tantrische Buddhismus, der bloß hier (und im Shingon-Buddhismus Japans) fortgelebt hat, als das "Vajrayâna" (Diamantfahrzeug) eine zentrale Stellung. Es gilt hier als die schnellste, aber auch als die schwierigste und höchste buddhistische Praxisform. Aber der tibetische Buddhismus verschmilzt letztlich alle Hauptrichtungen des Mahâyâna. Sein riesiger alter Kanon "Kangyur" (für "Wort des Buddha": Die Mahâyâna-Sûtras, die Tantras und die Ordensdisziplin Vinaya) und "Tengyur" (die alten Kommentare und Abhandlungen) ergibt insgesamt 4500 Einzelwerke. Hinzukommen noch die zahllosen in Tibet durch die Jahrhunderte verfassten Werke der Lamas, Rinpoches und Gelehrten. Tibet ist die an Schriften reichste religiöse Hochkultur der Welt.

Die vier Hauptschulen des tibetischen Buddhismus sind: Nyingmapa (Schule der Alten), Kagyüpa (Schule der mündlichen Überlieferung), Sakyapa (benannt nach dem Kloster Sakya "Graue Erde"), sowie Gelugpa (Schule des Tugendweges). Das Oberhaupt der Gelugpas, die Tibet seit dem 17. Jahrhundert politisch führen, ist der Dalai Lama. Das Oberhaupt der Karma-Kagyüpa ist der Karmapa, nach dem Dalai Lama heute der einflussreichste Würdenträger Tibets. Die den Gelugpa vorausgegange Alte-Kadampa-Tradition hat Maßstäbe für die meditative Praxis gesetzt, etwa mit dem nicht-tantrischen, analytischen System von Meditationen "Lamrim" (Stufenweg zum Erwachen).

Die vierte große Weltbewegung des Buddhismus äußert sich immer stärker im Abendland (und beginnend auch in anderen Weltteilen wie Südamerika). Der tantrische Mahâsiddha Padmasambhava prophezeite im achten Jahrhundert: "Wenn die Eisenvögel fliegen, wird Buddhas Lehre in den Westen ziehen." So erscheinen heute zum Beispiel alljährlich lediglich im englischsprachigen Raum schon rund 500 neue Bücher zum Buddhismus. Die Anfänge dieser Bewegung reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück (mit dem Beginn der Wissenschaft zu Asien sowie dem klaren Interesse hervorragender Geistesgrößen am Buddhismus, zum Beispiel Arthur Schopenhauer). Dieser Prozess gewinnt, nach den besonderen abendländischen Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts und der wachsenden ökologischen Bedrohung seit den 60ern, aktuell immer mehr an Dynamik. Es ist das erste Mal in der Geschichte des Abendlandes, dass auf dem Hauptboden des Christentums unter den Abendländern selbst eine andere Weltreligion breite Beachtung findet.

Die drei Haupttraditionen des Buddhismus im Abendland sind heute der tibetische Buddhismus, der Zen und der Theravâda (Lehre der ältesten) mit dessen Achtsamkeits- oder Einsichtspraxis Vipassanâ. Der tibetische Buddhismus hat sich nach der Massenflucht der Tibeter 1959, als das kommunistische China das Land besetzte, erstmals weltweit verbreitet. Er ist heute im Westen mit zahlreichen Meistern und Bewegungen sehr einflussreich. Aus dem tibetischen Buddhismus schöpfen ausgeprägt etwa auch die modernen "Freunde des Westlichen Buddhistischen Ordens" und die "Shambhala-Tradition". Der tibetische Buddhismus hat prägende westliche Wegbereiter, etwa den deutschen Lama Anagârika Govinda. Der Zen im Abendland hat ebenfalls prägende westliche Wegbereiter, etwa die deutschen Pioniere Martin Steinke Tao Chün und Ernst Herrigel. Der Theravâda im Abendland weist die folgenden drei Grundformen auf: Den ordinierten Traditions-Theravâda der Bhikkhus und Bhikkhunîs, den gelehrten Reflektions-Theravâda der abendländischen Pioniere, sowie den pragmatischen Breiten-Theravâda der Achtsamkeits- oder Einsichtspraxis "Vipassanâ" (Höheres Sehen).

Im Kontext des Breiten-Theravâda finden sich heute besonders populäre Meditationslehrende, Bestsellerautoren und einflussreiche Wissenschaftler wie Jon Kabat-Zinn und Daniel Goleman (Emotionale Intelligenz). Letztere stehen jeweils etwa für eine Synthese der Achtsamkeitspraxis mit der Komplementärmedizin und der Psychologie. Im Kontext des gelehrten Reflektions-Theravada (vor allem mit Dr. Paul Dahlke, Georg Grimm, Paul Debes oder Dr. Hellmuth Hecker) entstand etwa 1955 der mittlerweile größer gewordene buddhistische Dachverband "Deutsche Buddhistische Union" (DBU). Im Kontext des ordinierten Traditions-Theravâda ist besonders der "Weg der Ordensgemeinschaft" von Ajahn Chah zu nennen, der mit einem einflussreichen Ordensableger im Westen vertreten ist. Es gibt hier auch einige auf unterschiedlichen Gebieten wirkende Einzelordinierte und Novizen. Es ist ein historisches Novum, dass sich im Abendland eine ganze frühbuddhistische Ordenstradition etablieren kann.

 

Weitere unverwechselbare Merkmale des Buddhismus sind:

Ökologische Ethik: Die Ethik des Buddhismus ist nicht (wie bei den monotheistischen Weltreligionen) auf den Menschen beschränkt. Und sie erkennt auch die Natur in ihrer eminenten heilsvermittelnden Rolle. Dies wird bereits an den zentralen buddhistischen Feiertagen Uposatha und Vesakh klar, die kein Gebot eines Gottes, sondern eine Naturkraft zum Ausgangspunkt haben, sowie an dem Hauptsymbol des Buddhismus, der Lotusblüte.

Friedfertigkeit: Die Mongolen führten unter Dschingis Khan (1167-1227) und Kublai Khan ein Weltreich, sogar das größte, das jemals bestanden hat. Oder die Tibeter hielten Teile ihrer Nachbarländer besetzt. Die expansiven Phasen dieser beiden Länder hörten nach der Annahme des Buddhismus auf. Er ist nicht ohne Gewalt geblieben. Aber er hat sich nicht "mit Feuer und Schwert", sondern generell friedfertig über ganz Asien verbreitet. Der Hamburger Weltspezialist zu diesem Thema, der Indologieprofessor Lambert Schmithausen, betont: "Die Verkündigung des Buddha ist immer bloß ein Angebot. So kam es in der buddhistischen Geschichte kaum je zu einer gewaltsamen Missionierung. Auch die gewaltsamen innerbuddhistischen Auseinandersetzungen sind in ihrer Dimension keineswegs unseren Religionskriegen vergleichbar."

Es waren immer die Völker selbst, die Interesse an den Wegen des Buddhismus gezeigt haben. Dies gilt auch heute wieder für den Westen, wo Abendländer von sich aus stark wachsend interessiert sind. Gottgesegnete Gewalt ist unbestreitbar für die Urtexte der monotheistischen Weltreligionen, während die Lehrreden des Erwachten unmissverständlich friedfertig sind, trotz oder wegen ihrer klar unterscheidenden Grundhaltung. Denn das "Erwachen" des "Menschen" zur "Wahren Realität", worum es im Buddhismus mit dem universellen, kulturübergreifenden Befreiungsgesetz des "Dharma" geht, kann alleine aus der eigenen tiefen Einsicht erwachsen. Diese ist naturgemäß nicht aufzwingbar. Es gab im mittelalterlichen Tibet und Japan überschaubare innerbuddhistische Waffenkonflikte, als Folge der Verflechtung großer Klöster mit Besitz und weltlicher Macht. Doch sie können nicht mit dem mehrere Länder einbeziehenden "Dreißigjährigen Krieg" zwischen Protestanten und Katholiken verglichen werden, wobei die Hälfte der deutschen Bevölkerung umkam, den "Hugenottenkriegen" oder auch den "Heiligen Kriegen" im islamischen Kulturbereich.

Für die individuell verankerte Friedfertigkeit des Buddhismus stehen gegenwärtig etwa besonders die beiden Friedensnobelpreisträger Dalai Lama und die burmesische Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi. Unter deren Führung gewann die burmesische Opposition 1990 die vom sozialistischen Militärregime angesetzten freien Wahlen erdrutschartig, was das Regime sogleich annullierte und mit starker Repression des Volkes beantwortete. Seitdem steht Aung San Suu Kyi regelmäßig unter Hausarrest. Sie ist eine bekennende Buddhistin und bezeichnet das Benennen, einen Hauptansatz der Achtsamkeitspraxis Vipassanâ, als ihre Kraftquelle. Sie sagt etwa: "Ich praktiziere Achtsamkeit und Wissensklarheit in jeder Verrichtung des Tages". Das sozialistische Regime Burmas bleibt mit Hilfe Chinas und gegen den überragenden Mehrheitswillen der Burmesen an der Macht. Bereits Martin Luther King hat den neben dem Dalai Lama populärsten buddhistischen Meister im Abendland, den vietnamesischen Zen-Meister Thich Nhat Hanh, zum Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Er lebt wegen seines ganz unbeirrten Friedenseinsatzes im Vietnam-Krieg seither im französischen Exil.

Achtsamkeit: Die Betonung von natürlich sehender Achtsamkeit und Meditation (als der systematischen Einübung dieser Achtsamkeit), weil sie die Quelle des Befreiungspfades sind. Der Ausgangspunkt des Erwachens ist hier alleine Körper und Geist, wie sie stets zugänglich sind. Der Erwachte sagt etwa: "In diesem klaftergroßen Körper, versehen mit Wahrnehmung und Herzgeist, mache ich offenbar die Welt, den Ursprung der Welt, das Ende der Welt, sowie den Weg, der zum Ende der Welt führt."


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