Kulturbeschränkte und kulturübergreifende
Religion


Hans Gruber


Pater Hugo Enomiya Lasalle, der Pionier eines modernen Syntheseversuches des Katholizismus mit dem Zen, deutete alle Religionen als Teile im "Reich Gottes". Es gibt viele Versuche, den Gottes- bzw. Seelenglauben als Klammer aller Religionen darzustellen. In der Esoterik ist die Kernform dieses Versuches die Theosophie Helena Blavatskys. Ihre Gleichsetzung von "Gott" mit dem (hinduistischen) "Wahren Selbst" im Menschen ist die Unterströmung vieler moderner Ansichten.

All diese Versuche haben eines gemeinsam: Dass sie die Kernlehren der monotheistischen Religionen (Judentum, Christentum und Islam) als kulturübergreifend nahelegen. Doch kulturübergreifend kann bloß sein, was als menschliche Qualität in der eigenen Erfahrung verifizierbar ist. Dies gilt für den Dharma (das, was trägt oder hält) des Buddha - das universelle Gesetz, dass die Befreiung alleine in der Entfaltung von Ethischer Motivation, Geistiger Ruhe bzw. Intuitivem Wissen (des Achtfachen Pfades) aus einer die wahre Natur der Dinge zunehmend treffender, "Trefflicher Achtsamkeit" (Sammâ Sati) liegt. Sie kann natürlich im Alltag oder systematisch in der Meditation verwirklicht werden.

Kulturübergreifend können nicht Lehren sein, die unverifizierbarer "Glaube" sind, der sich von Kultur zu Kultur unterscheidet. Dass heute erfahrungsfremde und sogar naturwidrige Glaubensvorstellungen wie "Ewiges Leben", "Auferstehung von den Toten" oder die Kausalitätsfiktionen hinter einem "Jüngsten Gericht" und der "Erlösung" der Menschheit durch einen Kreuzestod unterschiedliche Kulturen beeinflussen, gründet in der überwiegend gewaltsamen Verbreitungsgeschichte der monotheistischen Weltreligionen, in Form von Zwangsmissionierungen im Gefolge der Kolonisation (im Unterschied zur Verbreitungsgeschichte des Buddhismus).

Leben als Inbegriff des bedingt Entstandenen ist immer vergänglich. Tote "aufererstehen" nicht. Eine sogenannte "Erlösung", die nicht als konkrete Erfahrung der inneren Freiheit, sondern bloß als Glaube oder Wunsch wirkt, ist keine Erlösung. Aus diesem Grunde wird durch die christliche Sicht der reine Erfahrungsbegriff "Erlösung" letztlich unglaubwürdig.

Bezeichnenderweise erscheinen die rein erfahrungsbezogenen Lehren "Achtsamkeit" und "Meditation" in den Urschriften mit den Worten der Begründer von Judentum, Christentum oder Islam nicht, während sie in den Reden des Erwachten im Pali-Kanon zentral sind - als Bestandteil wesentlicher Lehrreihen und vor allem als Inhalt der Meditationsreden. Treffliche Achtsamkeit gilt hier als die Quelle des universellen Befreiungsweges von Ethik, Ruhe und Einsicht.

Die Wiedergeburt in ihrer jenseitsbezogenen (nicht in ihrer im Pali-Kanon wichtigeren diesseitsbezogenen) Bedeutung ist eine spekulative Lehre des Buddhismus. Aber sie ist kompatibel mit dem zyklischen Wesen aller Naturvorgänge, sowie mit dem fundamentalen Naturgesetz, dass Energie letztlich nicht produziert oder zerstört werden kann, sondern sich immer bloß wandelt.

Selbst der Glaube an einen Schöpfergott und die Seele ist nicht kulturübergreifend. Es gibt historisch prägende Lehren, die ihn nicht teilen. Auch dieser Glaube ist erfahrungsfremd, Imagination. Denn in der konkreten Erfahrung des letztlich ungreifbaren Flusses der Phänomene liegt kein Kernselbst "Seele" oder Quellselbst "Gott". Aber ihre Konstruktion wirkt wohl als metaphysische Rückversicherung des Bewusstseins von "Ich und Mein". Aus eben diesem Grunde sieht der Buddha den Seelenglauben als eine der drei kardinalen "Fesseln" Samjoyana.

Der Gottesglaube in jeder Form wird durch die Kernlehre des Erwachten, das ausnahmslos auf alles bezogene "Nicht-Selbst" Anattâ bzw. die "Leerheit" Sunnyatâ, zurückgewiesen. Dies betrifft auch die mystischen (oder heute zen-christlichen) Gottesvorstellungen, die von dem Philosophen Arthur Schopenhauer, einem der ersten deutschen "Buddhaisten", mit am trefflichsten beantwortet worden sind. Im Kontext der folgenden Stelle führt er zuerst den Buddhismus gegen die philosophische Idee eines eingeborenen Gottesbewusstseins an (A), und sagt abschließend (Traktat Über die Universitäts-Philosophie, der Parerga und Paralipomena 1):

"Ein unpersönlicher Gott hingegen ist eine bloße Philosophie-Professorenflause, ein Widerspruch in sich, ein leeres Wort, um die Gedankenlosen abzufinden oder die Vigilanten (Anm.: Wachsamen, Nachdenklichen, bzw. hier vom ,rechten christlichen Glauben’ Abkommenden) zu beschwichtigen."

 

Anmerkung (A):

"Und welch unvernünftiges Vieh müssten doch die Buddhaisten sein, deren Religionseifer so groß ist, dass in Tibet beinahe jeder sechste Mensch dem geistlichen Stande angehört und damit dem Zölibat verfallen ist, deren Glaubenslehre eine höchst lautere, erhabene, liebevolle, ja streng asketische Moral (die nicht wie die christliche die Tiere vergessen hat) trägt und stützt, die jedoch nicht nur entschieden atheistisch ist, sondern sogar ausdrücklich den Theismus perhorresziert (Anm.: verabscheut, zurückschreckt davor). Die Persönlichkeit ist nämlich ein Phänomen, das uns nur aus unserer animalischen Natur bekannt und daher, von dieser gesondert, nicht mehr deutlich erkennbar ist. Ein solches nun zum Ursprung und Prinzip der Welt zu machen (Anm.: als allmächtigen Schöpfergott), ist immer ein Satz, der nicht sogleich jedem in den Kopf will; geschweige, dass er schon von Hause aus darin wurzelte und lebte."


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