Moderne spirituelle Poesie
von Ajahn Buddhadâsa und Christopher Titmuss


ausgewählt und übersetzt aus dem Englischen
von Hans Gruber



1) Der englische Vipassanâ-Lehrer Christopher Titmuss (seine Website ist "www.insightmeditation.org", die Gedichte hier stammen aus seinem Buch "Fire Dance and Other Poems", Insight Books, 1992). Er ist neben Bhikkhu Santikaro der bekannteste westliche Schüler von Ajahn Buddhadâsa.

 

Der Ruf einer Eule

Alles Zusammengesetzte ist nicht von sich aus.
In diesem restlos beruhigten Zustand des Seins
verbreitet sich der Ruf einer Eule
im ganzen Universum.
Dagegen beschränkt sich der Gedanke,
ieses begrenzte Abmessen,
auf den Verstand.

 

Keine Antwort

In der Versunkenheit meines Ein- und Ausatmens
liegt die unerschütterliche Stille
des Nicht-Selbst.
Für den Tannengeruch dieses bewaldeten Landes,
mit Bergkegeln gehäuft auf heiligem Boden
finde ich keine Antwort, noch Worte.
Für diese nachklingende rote Pflaume,
in ihrer Vereinigung mit den Geschmacksknospen
finde ich keine Antwort, noch Worte.
Für diesen Tempel der Existenz,
mit Regenwäldern als seinem Altar
finde ich keine Antwort, noch Worte.
Für diese Gedanken, die eine Symphonie weben,
für das Zusammenkommen der Menschheit
finde ich keine Antwort, noch Worte.

 

Tränen und Regentropfen

Höre dieses Lied unseres körperlichen Selbst:
Verweile, wo der Körper still aus sich selbst heraus spricht,
als das gemeinsame Bindeglied unserer Teilhabe an einer grünen Welt,
mit Freude als Zeichen dieses Treffpunktes.
Das ungekämmte Haar wächst
ähnlich den wilden Gräsern.
Wenn der Körper auf einer Seite liegt,
ähnelt er den Umrissen
der Hügel und Täler.
Lange, tiefe Atemzüge fließen ein und aus.
Sie gleichen dem Wind, der über das wilde Moor streicht.
Das Blut zieht durch die Venen und Arterien,
ähnlich dem Wasser in den
Bächen und Flüssen.
Die Augenlider schließen sich,
so wie die Nacht sich
über die weite Prärie
herabsenkt.
Höre das Nießen, das, gleich einem Hurrikan,
über die Erde stürmt.
Die Knochen und Gelenke, Knöchel und Ellbogen,
ähneln den Felsen und Bergen
der steinernen Welt.
Dieser Segen, der einem zuteil wird,
als Offenbarung der Harmonie,
wo alles sich enthüllt,
wenn das "Ich"
vergessen ist.
In der Feuchtigkeit dieses pochenden Körpers,
mit dem Schweiß, der sich über dieses "Land" ergießt,
wie die feuchten Nebel in der Natur.
Manchmal quellen Tränen hervor,
als ein dramatisches Ereignis,
ähnlich den schweren Regentropfen
im Sommersturm.
Das Wachstum der Haarbüschel
gleicht den Wäldchen auf einer lichten Ebene.
Das menschliche Leben spricht
nicht nur über sich selbst.
Diese Worte treten aus der Erinnerung hervor,
dass das Zuhause nicht dort liegt, wo das eigene Herz schlägt,
sondern tief in dieser weiten Landschaft und Natur,
die ohne jedes Maß ist.
Höre dieses innere Lied.
 

Das Gästehaus in Aviceiros, Madeira, Portugal

 

Für Informationen zu Aviceiros, dem Ort auf dem Bild: www.aviceiros.no.sapo.pt

 

2) Ajahn Buddhadâsa (Sklave des Buddha), thailändischer Theravâda-Altmeister (Texte von der Website "www.suanmokkh.org" des Stammklosters der von ihm gegründeten Waldtradition). Er wird manchmal der "Zen-Meister des frühen Buddhismus" genannt, wegen seiner Direktheit in Kombination mit Treue zur Lehre des historischen Buddha:

 

Die Macht des Geistes

Echte Macht des Geistes ist das höchste Ding,
weil es zur Befreiung des Geistes führt.
Doch wenn diese Macht missbraucht wird,
zieht sie uns hinab
in den Abgrund.
Deshalb trainiere und sammle vertrauensvoll
alleine die wahre Stärke des Geistes.
Stabilisiere sie stetig durch den Inneren Pfad.
Aus weisem Wollen folge der Bahn des Dhamma,
unbeirrt den Kurs haltend
in Richtung Nirvâna.
Wenn du so in deiner Arbeit und deinen Alltagspflichten aufgehst,
verwirklicht sich das höhere Geistestraining
mit dessen vielen guten Früchten.
Alle Aspekte des Dhamma werden dann
direkt in dir selbst
umgesetzt.

 

Die Große Freiheit

Ich mache nichts den ganzen Tag lang ...
aber genieße Glück und Freude
jenseits von Worten und
jenseits von Vergleich
Doch dieses besondere Glück übersteigt uns keineswegs!
Keiner kann hier klagen, es wäre doch unerreichbar.
Denn ich spreche lediglich von dem,
was man gerade tut ...
Einer zu sein, der "nichts den ganzen Tag lang" macht,
und damit den ganzen Tag lang gut durchzukommen,
ist so wunderbar freudvoll ...
Worauf es dabei alleine ankommt, ist,
die innerste, naturgemäße Ruhe des Geistes
in die Arbeit hineinzulegen, die man gerade tut,
bis man dies und die Arbeit "vergisst" ...
Zu diesem Zeitpunkt wirkt kein "Ich" mehr,
das da noch etwas "tut".
Zu diesem Zeitpunkt braut der Geist
kein "Ich" mehr zusammen,
das da gerade "arbeitet".
Die befreiende Ruhe des Geistes "Samâdhi"
ergründet jetzt so seltsam einzigartig, selbsttätig,
die wahre Natur der Dinge.
Und sie ergründet diese,
eben indem man "geschickt" arbeitet,
dies heißt ohne jene Gefahr,
dass hier etwa noch
ein "Ich" für "mich"
arbeiten würde.

 

Das System des modernen Buddhismus

Nachdem er zur Wahrheit des Dharma erwacht ist,
der letztlichen Realität, der Natur,
lehrte der Buddha allen Geschöpfen die Leerheit
auf unterschiedlichen Wegen.
Doch später ist diese Religion in die Hände derjenigen gefallen,
die sich immer noch vernarrt am "Ego" festhalten,
in Sehnsucht nach gewöhnlichem Sinnesvergnügen.
So suchen sie fortwährend nach einem Weg,
um das Eigentliche zu umgehen.
Es ist zu einem erniedrigten Buddhismus gekommen.
Die Drei Juwelen (Buddha, Dharma, Sangha) dienen hier
solchen Buddhisten, die sich vom Höchsten abgewandt haben,
feststeckend in der Welt der Sehnsüchte.

 

Ich als ein Selbst

Die schlichte Wahrheit ist, dass kein "Ich als ein Selbst" existiert.
Es tritt als bloße Geisteserscheinung hervor.
Wenn sich die Bewusstheit davon erholt,
schwindet "Ich als ein Selbst".
Lieber Freund, warum beseitigst du nicht
all dieses "Ich"-Machen, und, wenn du schon einmal dabei bist,
dann auch gleich das "Du"-Machen.
In dieser Weise lebt es sich mit Weisheit und Güte gut zusammen,
indem jeder Mensch die Pflicht des Augenblickes,
so gut er es eben kann, erfüllt.

 

Der stille Geist lauscht dem Gras

In der Stille seines Geistes vernimmt der Buddha
in allen Dingen nur Offenbarungen:
Sie drängen sich darum,
durch sich selbst zu berichten,
dass absolut nichts es wert ist,
ergriffen zu werden.
Welch närrisches Unternehmen,
im Festhalten am "Ich" und "Mein" davon zu träumen,
dass man wirklich etwas besitze.
All diese "Selbst"-losen Dinge als "Ich" und "Mein" zu verstehen,
bringt letztlich immer bloß Traurigkeit,
Wundheit und Kummer.
Selbst die Felsen, der Sand, der Boden, die Bäume und das Gras
lassen lediglich dieses eine Lied erklingen,
aus jeder ihrer Ecken und Ritzen.
Aber diejenigen mit einem geschäftigem Geist verstehen es nicht,
dass alles nur Lektionen des Dharma singt.
In der Stille des Geistes hört man selbst die Grashalme,
wie sie sich gegenseitig bloß diesen
einen Wunsch
zuflüstern:
"Mögen alle Wesen in Leichtigkeit im Winde tanzen,
mit einem Geiste, der in Stille verbleibt,
indem er alle Dinge stillt."


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